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Bereitschaftspflege für Babys : Eltern für ein paar Monate

  • -Aktualisiert am

Umsorgt: Die Pflegeeltern gehen auf jedes Kind ein und entwickeln starke Gefühle für die ihnen Anvertrauten. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn es nach der Geburt eines Kindes Schwierigkeiten in der Familie gibt, muss manchmal schnell eine Lösung her. Das Jugendamt Gießen wendet sich dann an das Ehepaar Möller.

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          Kerstin und Andreas Möller haben alle paar Wochen ein neues Baby. Sie übernehmen kurzfristig und vorübergehend die Bereitschaftspflege für Kleinkinder, die auf Entscheidung des Kreisjugendamts Gießen zum eigenen Wohl nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben sollen. Ihre Schützlinge sind maximal ein Jahr alt. Zurzeit betreuen sie die vor drei Wochen geborene Mira.

          Die Möllers investieren starke Gefühle. „Wir haben jedes der uns anvertrauten Würmer sehr schnell sehr gern“, erzählt die resolute Sechsundfünfzigjährige. „Nach spätestens zwei Tagen ist es unser Kind. So lange es hier ist, tun wir alles, damit es sich wohl fühlt.“ Umso bitterer ist der Abschied – in der Regel nach etwa drei Monaten. Es können aber auch neun Monate werden oder nur drei Tage. „Das Loslassen ist schwer. Da fließen manchmal Tränen“, sagt Kerstin Möller mit einem Anflug von Traurigkeit.

          Pflegeeltern seit zwei Jahren

          Wenn ein Kind weg ist, räumt sie alles weg. Kleidung, Bettwäsche, Fläschchen und Schnuller kommen in die Schränke. Aber nach ein paar Tagen freut sie sich auf das nächste Pflegekind. Ihr Mann nickt. „Neulich hatten wir zwei Monate Pause. Da wurde ich langsam unruhig und fragte mich, ob ich mal beim Jugendamt anrufen soll, ob sie uns vergessen haben“, sagt Kerstin Möller, Kurzzeitmutter mit Leib und Seele.

          Der Job, den die Möllers erledigen, erfordert viel Verantwortung und Flexibilität. Jeder Säugling hat seinen eigenen Rhythmus. Das eine Baby schläft die Nacht durch, das andere wacht alle vier Stunden auf. Ein anderes schreit nachts viel und hört nur auf, wenn man es auf den Arm nimmt und stundenlang mit ihm auf und ab geht. „Aber die Kinder geben auch viel“, sagt der 60 Jahre alte Andreas Möller. „Wenn ich morgens ins Bettchen schaue und das Kleine lacht mich an, dann kann den Rest des Tages passieren, was will.“

          Zweimal haben die Möllers auch ältere Kinder betreut. „Das hat uns darin bestärkt, nur Säuglinge aufzunehmen. Das ist einfach unser Ding“, sind sich Kerstin und Andreas Möller einig. Sie heißen in Wirklichkeit anders, möchten wegen ihrer sensiblen Arbeit aber unerkannt bleiben. Nach zwei Jahren als Pflegeeltern sagen sie: „Wir sind froh, dass wir uns für die Tätigkeit entschieden haben.“

          Entscheidung intensiv beraten

          Bereitschaftspflegeeltern haben viele Pflichten, aber keine Rechte. Ohne Einwilligung der leiblichen Eltern dürfen sie ihre Schützlinge auf Zeit beispielsweise nicht impfen lassen. „Selbst das Aufkleben eines Pflasters kann im Zweifelsfall juristisch als Körperverletzung gewertet werden“, sagt Möller, der selbst Anwalt ist.

          Die leiblichen Eltern haben in solch einem Fall den Anspruch, ihr Kind alle zwei Wochen zu sehen, in der Regel für eine Stunde. Dafür hat das Jugendamt in Gießen, das großen Wert darauf legt, dass die Pflegeeltern anonym bleiben, damit sie keinen ungebetenen Besuch bekommen, einen „Umgangskontaktraum“ eingerichtet. „Diese Treffen sind nicht immer einfach“, berichtet Kerstin Möller. „Manchmal könnte ich aufspringen und dazwischengehen, wenn ich sehe, wie die Eltern mit ihrem Kind umgehen. Eines unserer Pflegebabys fing beispielsweise immer an zu schreien, wenn es die Stimme seiner Mutter hörte. Aber in solchen Situationen muss ich mich beherrschen, weggehen und nach einer Stunde das Kind wieder abholen.“

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