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Partikeltherapie-Anlage in Marburg : Nur Forschung statt Krebstherapie

Leerstand: In der fast fertigen Partikelanlage werden bis auf weiteres keine Patienten behandelt werden Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Um eine neue Art der Tumorbehandlung in Marburg scheint es schlecht bestellt. Die Partikeltherapie-Anlage soll nur der Forschung dienen.

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          Hinter viereinhalb Meter dicken Wänden in einem Wäldchen bei Marburg sollte sie liegen - die Zukunft der Tumorbehandlung in Mittelhessen. Der Ruf der Partikeltherapie-Anlage mit einem 50 mal 90 Meter messenden Teilchenbeschleuniger sollte bundesweit ausstrahlen, Kranke aus allen Regionen der Republik nach Marburg führen und der Lehre dienen. 120 Millionen Euro hat die Rhön-Klinikum AG als Mutter des Universitätsklinikums Gießen und Marburg in das sogenannte Leuchtturmprojekt gesteckt - und große Hoffnungen. Noch für dieses Jahr war die Aufnahme des Regelbetriebs vorgesehen. Davon ist keine Rede mehr. Ein Dauerbetrieb ist laut Rhön „derzeit technisch nicht möglich“.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn es dabei bleibt, werden in der vom Siemens-Konzern gebauten Anlage anders als geplant keine Patienten mit Tumoren im Kopf und in der Halswirbelsäule regulär behandelt, keine Geschwülste mit Teilchen beschossen, die bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen. Vielmehr soll sie Siemens künftig nur für Forschungs- und Entwicklungszwecke dienen - ohne Patienten. Rhön ist nun sogar außen vor. Hermann Requart, Chef der Konzerntochter Siemens Health Care, erläutert diese Kehrtwende so: „Im Verlauf der Entwicklungsarbeit haben wir festgestellt, dass wir bei der wirtschaftlichen Umsetzung dieser Technologie in der Breitenversorgung zu optimistisch waren.“

          „Finanzierungslücke beim Kunden“

          Konkret geht es dabei um die Frage, wie viele Krebskranke in der Anlage hätten behandelt werden können. Wie ein Siemens-Sprecher zugesteht, war die Patientenzahl zu hoch veranschlagt worden. „Daraus ergibt sich eine Finanzierungslücke für den Kunden“ - also den Klinikbetreiber. Nach dem Endausbau wollte das Uni-Klinikum die Anlage in Nachbarschaft seines Hauptgebäudes im Zwei-Schichten-Betrieb an sechs Tagen in der Woche laufen lassen und bis zu 120 Patienten behandeln, wobei eine Bestrahlung je nach Tumorart zwischen anderthalb und 20 Minuten hätte dauern sollen, wie es im vergangenen Herbst beim Rhön-Klinikum hieß.

          Noch im April war mitgeteilt worden, der erste Therapiestrahl sei mit der notwendigen Energie in einen Behandlungsraum gebracht worden. Dem Vernehmen nach kann die aus einer Vielzahl von Einzelteilen bestehende, durch grundlegende Forschungen des GSI-Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung in Darmstadt unterstützte Partikeltherapie-Anlage nicht so schnell arbeiten wie nötig. Der Siemens-Sprecher mochte dies zwar nicht bestätigen, sagte aber: „Wenn Siemens die vereinbarten Patientenzahlen erreichen wollte, würden die Entwicklungskosten steigen, da wir an der Technologie weiter arbeiten müssten.“ Vor diesem Hintergrund haben beide Geschäftspartner die Reißleine gezogen. Siemens hat das Rhön-Klinikum aus der Anlage herausgekauft und diese übernommen.

          Auch Probleme in Kiel

          Zukunftsgerichtete Arbeit am Patienten ist dem Medizintechnik-Anbieter selbst nicht möglich: „Wir dürfen keine klinische Forschung betreiben“, hob der Sprecher hervor. In welche Richtung Siemens künftig in Marburg forschen wird, ließ er offen. Das werde sich ergeben. Das Rhön-Klinikum und die Tochter in Mittelhessen geben sich schmallippig und wollen sich über eine mit Siemens herausgegebene Erklärung nicht weiter zu der Partikeltherapie-Anlage äußern.

          Siemens legt derweil Wert auf die Feststellung, dass die Partikeltherapie-Technik grundsätzlich funktioniere. Dies zeige die ebenfalls von diesem Anbieter gebaute Anlage im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum, an die das Marburger Projekt angelehnt ist. Dort seien seit Ende 2009 mehr als 400 Patienten behandelt worden, und die Anlage bleibe bestehen. Zudem werde das entsprechende Projekt im chinesischen Schanghai fortgesetzt.

          Der Sprecher verhehlt aber nicht, dass in dem vierten Projekt dieser Art am Uni-Klinikum in Kiel nicht alles reibungslos verläuft: „Dort stehen wir vor ähnlichen wirtschaftlichen Herausforderungen wie in Marburg.“ Im vergangenen Herbst hieß es noch, die Inbetriebnahme in Kiel sei für 2012 geplant. Nun ist bei Siemens die Rede von „intensiven Gesprächen mit den Verantwortlichen vor Ort“.

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