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Nationalsozialisten : Ein brauner Schatten über dem Landtag

  • -Aktualisiert am

Der Historiker Hans-Peter Klausch bei der Vorstellung der Studie. Bild: dapd

Der politische Neuanfang nach dem Krieg war, das hat eine Studie ergeben, auch von ehemaligen Nationalsozialisten geprägt.

          5 Min.

          Unter den hessischen Landtagsabgeordneten waren in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg weit mehr frühere Nationalsozialisten als bisher bekannt. Einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Oldenburger Historikers Hans-Peter Klausch zufolge waren mindestens 75 Parlamentarier ehemals Mitglied der NSDAP. Da nur 80 Prozent der NSDAP-Mitgliedskarteien erhalten seien, liege die tatsächliche Zahl vermutlich noch um einiges höher. Klausch hat im Auftrag der Fraktion der Linkspartei die Lebensläufe von 333 hessischen Abgeordneten untersucht, die bei Kriegsende 1945 mindestens 18 Jahre alt waren.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Parlamentarische Geschäftsführer der Linkspartei, Hermann Schaus, nannte die Erkenntnisse „brisant und schockierend“. Es bedürfe nun weitergehender Untersuchungen durch die Historische Kommission Hessens: „Das ist erst der Beginn eines Prozesses.“ Es stelle sich die Frage, so Klausch, ob es nach 1945 in der hessischen Politik braune Netzwerke gegeben habe oder welchen Einfluss die ehemaligen Nationalsozialisten nach dem Krieg als Abgeordnete auf die Ermittlungen gegen „alte Kameraden“ oder beispielsweise die Thematisierung des Nationalsozialismus im Schulunterricht genommen hätten.

          Klausch warnte vor einer Pauschalverurteilung der jetzt Enttarnten

          In offiziellen biographischen Darstellungen des Landtags sind nach Angaben des Historikers bisher nur bei drei Parlamentariern frühere NSDAP-Mitgliedschaften erwähnt worden. Ehemalige Angehörige der Nazi-Partei gab es nach seinen Recherchen in allen hessischen Fraktionen, einschließlich SPD und Grünen; mit der KPD als einziger Ausnahme. In den Reihen der CDU wurden in den Wahlperioden von 1954 bis 1966 zwischen 25 und 35,7 Prozent der Mandate dauerhaft oder zeitweilig von früheren NSDAP-Mitgliedern wahrgenommen. Bei der FDP schwankte dieser Wert in den Jahren 1954 bis 1970 zwischen 60 und mehr als 70 Prozent.

          Klausch warnte vor einer Pauschalverurteilung der jetzt Enttarnten, die Zugehörigkeit zur NSDAP sei nach Einzelfall „sehr unterschiedlich zu gewichten“. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass zu den Landtagsabgeordneten aller Parteien auch Verfolgte der Nazi-Diktatur und Widerstandskämpfer gehört hätten. Es handele sich bei den ehemaligen NSDAP-Angehörigen aber auch nicht nur um indoktrinierte Jugendliche, Mitläufer und Opportunisten: „Die Hinzuziehung von SS- und SA-Personalunterlagen ergab, dass es auch schwer belasteten Nazis gelang, im hessischen Landtag unerkannt erneut politisch zu wirken.“ Da ehemalige Nationalsozialisten sogar in politische Spitzenämter gelangt seien, beispielsweise als Fraktions- oder Landesvorsitzende oder Minister, sei die Frage nach Kontinuitäten zwischen NS-Staat und früher Bundesrepublik neu zu stellen. Die Geschichte des Landtags müsse „in weiten Teilen umgeschrieben“ werden, meint Schaus.

          „Paradebeispiel für Opportunismus und Verdrängung“

          Als „Paradebeispiel für Opportunismus und Verdrängung“ kann nach Ansicht von Klausch die Karriere des späteren hessischen Landwirtschaftsministers (1967 bis 1970) und Trägers des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Schulterband und Stern, Tassilo Tröscher, angesehen werden. Tröscher ist unter den sozialdemokratischen Abgeordneten jener, der zum frühesten Zeitpunkt in die NSDAP eintrat, nämlich am 1. März 1933. Im Biographischen Handbuch des Landtags ist über den 1902 Geborenen zu lesen: „Bis 1933 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Seit 1947 Mitglied der SPD.“

          140 SPD-Landtagsvertreter wurden von Klausch überprüft, 15 (10,7 Prozent) davon waren einmal Mitglied der NSDAP. Zur Illustration opportunistischen Verhaltens führt der Forscher auch das Beispiel des Kaufmanns Ludwig Wedel an, der die SPD von 1958 bis 1970 im Landtag vertrat. Im Biographischen Handbuch heißt es über den 1909 Geborenen: „Seit 1923 Mitglied der SPD, SAJ und Gewerkschaften.“ Nach Angaben von Klausch beantragte der langjährige Sozialdemokrat am 4. Dezember 1939, also drei Monate nach Kriegsbeginn und gut ein Jahr nach dem antijüdischen Pogrom vom November 1938, die Aufnahme in die NSDAP. Das Ersuchen sei jedoch mit der Begründung abgelehnt worden, dass Wedel die Mitgliedschaft vermutlich nur deshalb anstrebe, weil er sich geschäftliche Vorteile erhoffe. „Wedel ist daher für die Partei nicht tragbar“, lautete demzufolge das Urteil der NSDAP-Bürokraten.

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