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Mondholz : Bäume sollen bei abnehmendem Mond fallen

  • Aktualisiert am

Zuschnitt: Waldarbeiter zerteilen «Mondholz» im Forst bei Königstein. Bild: DPA

Manche Menschen sind bereit, für sogenanntes Mondholz viel Geld auszugeben. Denn wer in Betten aus diesem Holz schläft, soll angeblich ruhig und gesund werden. Dafür gibt es freilich keine Beweise.

          „Wenn Sie Baum wären, was würden Sie sich wünschen vom Menschen?“ Sägewerksleiter Sigmund Schuster meint es ernst. Er will nicht provozieren, sondern um Verständnis werben für das Wesen Baum – das man nicht einfach so niedersägen dürfe. Das Holz müsse bereit sein. Und das ist es laut Schuster bei abnehmendem Mond. Der Holzingenieur aus dem osthessischen Birstein ist kein Sonderling – er hat Kunden, die denken genauso.

          Wenn schon fällen, dann fair, meinen sie. Mondholz nennt der Volksmund die Bäume, die zur rechten Zeit fallen. Die Bezeichnung „Vollwertholz“ findet Schuster allerdings passender. Zwischen Ende Oktober und Anfang Januar sei der Baum bereit zu sterben – und zwar in der letzten Phase des abnehmenden Mondes. „Da atmen die Pflanzen gewissermaßen aus.“ Dann schlafe der Baum, seine biologische Aktivität sei stark reduziert. „Der Schock ist für ihn nicht so groß.“ Also griffen die Forstarbeiter im Taunus im Auftrag von Sigmund Schuster in der 48. Kalenderwoche des vergangenen Jahres zur Motorsäge.

          Erst vier Wochen ruhen

          Klare Ansagen bekam Ralf Heitmann, Leiter des Forstamts Königstein, allerdings nicht nur zum Fäll-Zeitpunkt. Normalerweise sägen Waldarbeiter sofort nach dem Fällen die Äste ab und zerteilen den liegende Stamm. Alles in einem Aufwasch. Das spart Zeit und Geld. Mondholz-Stämme müssen dagegen erst vier Wochen am Boden ruhen, bevor sie aufgearbeitet werden. Am besten mit der Krone bergab.

          Das hat nichts oder zumindest nicht nur mit okkulter Ausrichtung zu tun, sondern hat auch aus naturwissenschaftlicher Sicht einen Sinn. Das Wasser im Holz kann nämlich dank der Schieflage in die Krone und immer weiter in Nadeln oder Blätter fließen, wie Heitmann erklärt. Der Stamm trocknet so auf natürliche Weise, reißt dadurch nicht so schnell und reagiert nicht auf Luftfeuchte – perfekt zum Bauen. „Nicht der Einschlagzeitpunkt, sondern die Verarbeitung ist das Entscheidende“, sagt auch Ute Seeling, Geschäftsführende Direktorin des Kuratoriums für Waldarbeit und Forsttechnik in Groß-Umstadt am Rande des Odenwalds.

          Sorgsame Behandlung und nicht der Mond

          „Mit viel Optimismus“ hat die promovierte Forstwissenschaftlerin im Dienste der Wissenschaft Fichten in verschiedenen Mondphasen fällen lassen und das Holz untersucht. Die Fakten waren ernüchternd: „Es hat keine Untersuchung einen Effekt bewiesen.“ Ein paar alteingesessene Schwarzwaldbauern habe sie bei einem Vortrag mit diesem Fazit brüskiert: „Ich dachte, ich komme aus dem Wirtshaus nicht mehr heraus.“

          Kein Wunder, denn das Mondholz aus dem Schwarzwald ist tatsächlich qualitativ hochwertiger als das technisch getrocknete Industrie-Holz. Grund ist laut Seeling aber eben nicht der Mond, sondern die sorgsame Behandlung vor und nach dem Schlagen.

          Beim nächsten Stapel Mondholz blutet dem Förster sichtlich das Herz

          Für Mondholz wandert viel Geld über deutsche Schreinerei-Tresen: Die Kunden seien bereit, bis zum Doppelten des normalen Preises zu zahlen. Ein zwei Meter langer und 15 Zentimeter dicker „Schuster-Vollwertholz-Balken“ kostet zwischen 100 und 400 Euro, je nach Bearbeitung. Den legt sich der Kunde zum Beispiel hinter das Kopfende des Bettes. „Dann wird die Stahlbetondecke zurückgedrängt. Dann kann Ruhe in den Kopf einkehren“, sagt Schuster. Das Holz könne sogar Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch helfen oder kuriere bettnässende Kinder. Er kenne Menschen, bei denen sich solche Probleme binnen weniger Monaten nach Mondholz-Einfluss geklärt haben, sagt Schuster. Im Förster-Auto durch den Königsteiner Wald kommen Zweifel auf. „Das ist Mondholz“, sagt Förster Heitmann und zeigt auf einen Stapel Stämme. „Das ist normales Holz“, sagt er bei einem völlig gleich aussehenden Stapel einen Kilometer weiter. Einen optischen Unterschied sucht man vergebens.

          Beim nächsten Stapel Mondholz blutet dem Förster sichtlich das Herz. Seine Arbeiter zersägen den so aufwendig getrockneten Stamm, der unten von Rotfäule zerfressen ist. Er geht nun als minderwertiges D-Holz in die Paletten-Produktion, ist wegen der Fäule zum Bauen nicht mehr zu gebrauchen. „Immerhin werden daraus Mondholz-Paletten. Die gehen nie kaputt“, sagt Heitmann fast ein bisschen zynisch und schaut in die Kronen der Nachbarbäume.

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