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Missbrauch an Odenwaldschule : „Wir wissen, dass es Leid war“

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An der Odenwaldschule in Heppenheim sind vier weitere Missbrauchsfälle bekannt geworden Bild: ddp

An der privaten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim sind weitere Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern bekanntgeworden. Die frühere hessische Kultusministerin Wolff weist in der F.A.Z. Vorwürfe zurück, seinerzeit ungenügend reagiert zu haben.

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          An der privaten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim sind weitere Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern bekanntgeworden. Am Wochenende hätten sich vier weitere ehemalige Schüler gemeldet, sagte die Direktorin des Internats, Margarita Kaufmann, am Montag in Heppenheim. Darunter sei auch eine Frau. „Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte“, sagte Kaufmann. „Wir haben jetzt 24 Fälle, 23 Männer und eine Frau.“

          Die Schulleiterin entschuldigte sich auf einer Pressekonferenz in der Schule bei den Opfern: „Das Leid können wir nicht mehr gutmachen. Aber wir können sagen: Wir sehen und wissen, dass es Leid war.“ Der Verdacht richtet sich bisher gegen drei frühere Lehrer, darunter den bekannten Reformpädagogen Gerold B., der die Odenwaldschule von 1972 bis 1985 leitete. Um die damaligen Vorgänge aufzuklären, schrieb die Schulleiterin an die rund 900 Altschüler der betroffenen Jahrgänge aus der Amtszeit ihres tatverdächtigen Vorgängers. An der 1910 gegründeten deutschen Reformschule gilt das Prinzip, gemeinschaftlich zu lernen und zu leben. Die Klassenlehrer der etwa 16 Schüler verschiedener Altersstufen umfassenden „Familien“ fungieren als „Familienoberhäupter“.

          Schule der „Mittäterschaft“ bezichtigt

          Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt war bereits im August 1999 - und damit einige Monate nach dem Amtsantritt der ehemaligen hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) - eine Strafanzeige gegen den damaligen Internatsleiter eingegangen. Zuvor hatten sich die Schüler im Juni 1998 an die Schule selbst gewandt und sie der „Mittäterschaft“ bezichtigt. Weder der eingeschaltete Trägerverein der Schule noch Gespräche mit dem damaligen Schulleiter hätten indes zur weiteren Aufklärung beigetragen, berichteten Beteiligte damals. B. selbst widersprach bei schulinternen Gesprächen nicht den Vorwürfen und legte als Konsequenz seine Funktionen im Trägerverein nieder. Als Autor bildungspolitischer und reformpädagogischer Schriften sowie als Vortragsredner war B. jedoch bis vor wenigen Jahren in der Öffentlichkeit präsent.

          Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gab es wegen der Verjährung der Vorfälle damals nicht. Nach einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ erwägen ehemalige Schüler eine Verwaltungsklage gegen das Land Hessen, um Versäumnisse der Politik aufzudecken. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat am Montag gegen Lehrer an der Odenwaldschule ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Nach den Berichten der vergangenen Tage sei nicht auszuschließen, dass es in dem Elite-Internat zu Übergriffen gekommen sei, die nicht verjährt seien, sagte Ger Neuber, ein Sprecher der Behörde. Das bundesweit bekannte Elite-Internat rief alle ehemaligen Schüler aus den Jahren 1970 bis 1985 auf, sich an eine Telefon-Hotline zu wenden.

          Frühere Kultusministerin Wolff: „Wir haben damals sofort gehandelt“

          Die ehemalige hessische Kultusministerin Karin Wolff sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.), sie habe sich nichts vorzuwerfen. „Wir haben damals sofort gehandelt“. Das staatliche hessische Schulamt Bergstraße/Odenwald hat Ende November 1999 auf Anweisung der damaligen Kultusministerin die Lizenz der privaten Odenwaldschule in Heppenheim überprüft, nachdem dort erstmals Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern durch den früheren Schulleiter Gerold B. bekannt geworden waren. „Ich habe die Prüfung seinerzeit dem Schulamt übertragen“, sagte Frau Wolff im Gespräch mit der F.A.Z. Ihrer Erinnerung nach sei der Schule in freier Trägerschaft die Lizenz nicht entzogen worden, weil die von Altschülern angezeigten Taten nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft verjährt gewesen seien. Zudem habe die Schule „es selbst in die Hand genommen“, die Vorgänge aus der Zeit von 1970 bis 1985 aufzuarbeiten.

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