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Lehrerausbildung : Wenig Begeisterung für Pädagogische Universität

Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände will die Lehrerausbildung reformieren Bild:

Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände hat ein brisantes Papier zur Reform der Lehrerausbildung vorgelegt: Kern der Forderungen darin ist die Einrichtung einer Pädagogischen Universität in Hessen. Die Kritik an diesem Konzept ist lauter als die Zustimmung dazu.

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          Wenn Lobbyisten Politik machen und Politiker in ihrem Sinne beeinflussen wollen, tun sie das oft, ohne Aufhebens davon zu machen. Nicht so die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), die sich seit Jahren in die Bildungsdebatte im Land einmischt. Im Großen und Ganzen geschieht das entlang den Argumentationslinien der CDU, aber nicht immer, was der einstigen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) noch gut im Gedächtnis sein wird – vor allem beim Thema „selbständige Schule“ hatten ihr die Bildungsexperten das Verbandes Handlungsdefizite nicht nur in Kamingesprächen, sondern gern auch öffentlich vorgeworfen. Jetzt hat die Vereinigung ein brisantes Papier zur Reform der Lehrerausbildung vorgelegt: Kern der Forderungen darin ist die Einrichtung einer Pädagogischen Universität in Hessen. Vierzehn Tage nach seinem Erscheinen ist die Kritik an diesem Konzept lauter als die Zustimmung dazu.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Künftige Lehrer, so hatte es der für Bildungspolitik zuständige VhU-Geschäftsführer Jörg Feuchthofen formuliert, würden an den Universitäten als Studenten zweiter Klasse behandelt. Die Fachdidaktik komme zu kurz, zu spät würden die Studenten auf die Spezifika ihres späteren Berufes vorbereitet. Die Lösungsvorschläge des Verbandes: Eignungstests für Lehramtsstudenten, die Ausbildung verkürzen, das Referendariat durch ein einjähriges Berufseinstiegsjahr ersetzen. Das Lehrerstudium soll wie in den meisten anderen Bundesländern auf Bachelor (sechs Semester) und Master (vier Semester) umgestellt werden, außerdem ein Abschluss „Bachelor of Education“ eingeführt werden, der für verschiedene pädagogische Berufe unterhalb der Schulebene qualifizieren würde. Mehr Streitpunkte als letzteres – die Struktur „sechs plus vier“ einzuführen empfiehlt auch eine Arbeitsgruppe Lehrerbildungsreform, der Mitglieder der fünf hessischen Hochschulen angehören – birgt der Vorschlag, eine Pädagogische Universität zu gründen. Diese solle, sagt Feuchthofen, einen bloß virtuellen Campus, aber große Macht haben: als vorgesetzte Behörde, die mit den Universitäten Verträge über die Lehrerbildung abschlösse und zum Beispiel bestimmte, welche Kompetenzen ein Lehramtsstudent in verschiedenen Phasen seines Studiums erwerben soll.

          Eine „Monsterbehörde“

          Um Druck ausüben zu können, würde die Pädagogische Universität das Geld für die Lehrerbildung verwalten und den Hochschulen zuweisen – oder auch nicht. Nach Ansicht des Bildungsforschers Andreas Gold von der Frankfurter Universität wäre eine solche Einrichtung eine „Monsterbehörde“. Mit der Modularisierung des Studiums, so Gold unlängst in einem Interview, seien die größten Schwachstellen der universitären Lehrerausbildung behoben worden, notwendig sei jetzt eine bessere Verzahnung mit der zweiten Ausbildungsphase. Für die ist in Hessen Frank Sauerland zuständig. Der Direktor des Amtes für Lehrerbildung hat sein Büro im Frankfurter Bahnhofsviertel, und einige der Schulen, die umgangssprachlich als „hart“ gelten, weil sie eine schwierige Klientel mit hohem Zuwandereranteil haben, sind nicht weit entfernt. „Ein ambivalentes Verhältnis“ habe er zu den Vorschlägen der VhU und zu möglichen Eignungstests für Studenten – die in Hessen nach dem geltenden Hochschulrecht ohnehin nur empfehlenden Charakter haben könnten.

          Sauerland schlägt stattdessen vor, dass Lehramtsstudenten ein „Portfolio“ führen müssten, eine Art Mappe, in der Lern- und Arbeitsvorhaben beschrieben werden und die zu füllen ein in hohem Maße selbstorganisiertes Arbeiten verlangt. Eine Abschaffung des Referendariats in seiner bisherigen Form, bei der angehende Lehrer unterrichten und an den Studienseminaren selbst noch unterrichtet werden, hielte Sauerland für falsch. Auch einer Pädagogischen Universität kann er nichts abgewinnen. „Das würde massiv in die Hochschulautonomie eingreifen.“ Ähnlich sieht das Wolfgang Lührmann vom Zentrum für Lehrerbildung an der Gießener Uni. Er ist auch Geschäftsführer der Arbeitsgruppe zur Lehrerbildungsreform. Eine Pädagogische Universität einzurichten, sei „eine erschreckende Vorstellung“, die an den Hochschulen ganz bestimmt nicht gut ankomme, „weil sie der Idee der Autonomie zuwiderläuft“. Anstelle von Eignungstests, für die das Hochschulrecht geändert werden müsste, schlage die Arbeitsgruppe vor, die Eignung künftiger Lehrer „an den Übergängen zu prüfen“, also zum Beispiel nach der ersten Studienphase. Bisher hat jeder, der das erste Staatsexamen abgelegt hat, einen Rechtsanspruch auf ein Referendariat. Das könnte nach Lührmanns Meinung bei der Umstellung auf Bachelor und Master geändert werden.

          Politischer Konfliktstoff

          In der Debatte um die Fähigkeiten von Lehrern und den Sinn einer Pädagogischen Universität steckt – wenn sie nicht schon vorbei ist, bevor sie richtig begonnen hat – noch weiterer politischer Konfliktstoff, der aber nicht so öffentlichkeitswirksam ist. Die Mittel für die universitäre Lehrerausbildung sollten in Zukunft im Haushalt des Kultusministeriums anstatt in dem des für die Hochschulen zuständigen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst stehen, schlagen die hessischen Unternehmer vor – im Wissen, dass das auch die neue FDP-Kultusministerin Dorothea Henzler gern so hätte. Aus dem Wissenschaftsministerium, das von der CDU-Politikerin Eva Kühne-Hörmann geleitet wird, war dazu bisher keine Stellungnahme zu erhalten.

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