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Lebensmittelkontrolle : Zwist um Smileys als Küchen-Bewertungen

  • Aktualisiert am

Eklig: Schutzabdeckung einer Schneidemaschiene, an der alte Speisereste kleben Bild: Daniel Pilar

Gammelfleisch oder zarter Schinken? Küchenschimmel oder blitzblanke Kacheln? Die Eindrücke von Lebensmittelüberwachern in Restaurants sollen künftig im Internet zu lesen sein. Der Verbraucherschutz freut sich, die Branche sieht dafür jedoch keinen Anlass.

          Eine von mehreren Bundesländern vorgeschlagene einheitliche Hygiene-Bewertung für Restaurants wäre ganz nach dem Geschmack des Landes und der Verbraucherschützer. „Hessen unterstützt die Bemühungen, mehr Transparenz für den Verbraucher zu schaffen“, sagte Verbraucherschutzministerin Lucia Puttrich (CDU) in Wiesbaden auf Anfrage zu einer auch von der Bundesregierung angestrebten Regelung. Die Gastronomiebranche spricht dagegen von „Pauschalverdächtigungen“ und lehnt eine öffentlich einsehbare Bewertung der Betriebe nach dem geplanten Modell ab.

          Angesichts oft mangelhafter Sauberkeit in Restaurants und Imbiss-Stuben sollen Verbraucher die Hygiene-Zustände künftig auf einen Blick erkennen können. Im Gespräch ist ein System mit gelben „Smiley“-Gesichtern, die gleich an der Tür Auskunft darüber geben, wie eine Gaststätte beim Sauberkeits-Test abgeschnitten hat.

          Aigner: Transparenz der Lebensmittelüberwachung erhöhen

          Nach Aussage der Ernährungsexpertin Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale in Frankfurt ist ein Bewertungssystem zwar hilfreich. Es dürften aber nicht nur die schwarzen Schafe der Branche gekennzeichnet werden. Es müssten vielmehr auch die Betriebe hervorgehoben werden, die die Lebensmittelüberwachung ohne Tadel bestünden. „Außerdem schafft ein solches System einen Anreiz für die Restaurants, sich zu verbessern. Es steht niemand gerne am Pranger“, sagte Schauff.

          Einen Antrag für ein neues System wollen Niedersachsen und Hamburg auf der Verbraucherminister-Konferenz am Donnerstag und Freitag in Potsdam stellen. In dem der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Papier heißt es: „Ziel sollte (...) ein bundesweites und verbindliches Informationssystem mit einheitlichen Bewertungsmaßstäben auf gesicherter rechtlicher Basis sein.“ Hamburg und Niedersachsen sind bei der Konferenz in Potsdam für das Thema zuständig. Widerstand wird aus den südlichen Bundesländern erwartet.

          Nach Ansicht Hamburgs und Niedersachsens verlangen Verbraucher nach den jüngsten Lebensmittelskandalen zu Recht mehr Informationen. Aber auch die Lebensmittelüberwachung selbst habe ein Interesse an mehr Transparenz über ihr eigenes Handeln. „Diese Wünsche zu erfüllen ist eines der anspruchsvollsten Ziele moderner Verbraucherpolitik“, heißt es in dem Antrag.

          Zustimmung kam bereits von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). „Ich bin bereit, mit den Ländern zusammen für eine bundesweit einheitliche Regelung zu sorgen, um die Transparenz der Lebensmittelüberwachung zu erhöhen“, sagte sie dem „Tagesspiegel“. Würden bei einem Betrieb gravierende Beanstandungen festgestellt, „sollten Verbraucher auch die Möglichkeit haben, davon zu erfahren“.

          Piktogramme mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken

          Ein ähnliches System wird bereits in Dänemark praktiziert. Dort zeigen Smiley-Piktogramme mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken an, ob ein Restaurant bei Überprüfungen gut oder schlecht abgeschnitten hat. „Zusätzlich zeigt eines von vier zur Verfügung stehenden Smiley-Symbolen das Kontrollergebnis in Kurzform an“, so die Länder in ihrem Antrag. Seither habe die Zahl der Betriebe mit gutem oder sehr gutem Hygienestatus zugenommen.
          Nach Ansicht des hessischen Hotel- und Gaststättenverbandes werden die Betriebe allerdings bereits ausreichend durch die Branche unter die Lupe genommen. „Wir haben schon aus eigenem Interesse ein scharfes Auge auf unsere Restaurants“, sagte Hauptgeschäftsführer Julius Wagner.

          Außerdem sei es nicht nachvollziehbar, warum Häuser ausgezeichnet werden sollten, nur weil sie den gesetzlichen Verpflichtungen nachkämen. „Die gute Qualität sollte tägliche Voraussetzung sein“, sagte Wagner. Zudem sei es nicht möglich, sofort alle Betriebe zu prüfen. „Und wer dann kein Smiley hat, der wurde vielleicht nicht getestet - fällt aber durch bei den Kunden.“

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