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Lebensmittelkennzeichnung : Es geht auch um die Wurst

Am ersten Tag ist die neue Verbraucherseite glatt überrollt worden durch Zugriffe Bild: dapd

Nicht immer steckt in der Verpackung, was drauf steht. Das neue Internet-Portal der Verbraucherzentralen, www.lebensmittelklarheit.de, soll das ändern. - Das Verbraucherthema.

          Herr V. aus Wiesbaden kann zufrieden sein. Schon vor einem Jahr hatte er beanstandet, dass die traditionell grün aufgemachte Verpackung der Kaffeemarke „Onko klassisch“ nur noch zu 88 Prozent aus Röstkaffee bestehe und sich die Restmenge aus billigen Ersatzstoffen (Maltodextrin, Karamel) zusammensetze. Auf der schmalen Seite der Verpackung war dies unter dem Begriff „Harmonische Mischung“ auch angegeben. Beim Einkaufen im Supermarkt jedoch ging Herr V. davon aus, er kaufe, wie immer einen hundertprozentigen Kaffee.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Problem: Der Hersteller, die Kraft Foods Deutschland GmbH, hatte die Rezeptur geändert, die Verpackung jedoch nahezu identisch gelassen. Die Verbraucherzentrale Hessen hakte nach, der Hersteller ging in sich, aktueller Stand: „Onko klassisch“ wird wieder nur aus 100 Prozent Kaffee angeboten.

          Vom Bund finanziert, von Hessen betreut

          Ein klassischer Fall für das neue Portal lebensmittelklarheit.de, auf dem Verbraucher sich fortan über Produkte beschweren können, von denen sie sich bei Aufmachung und Kennzeichnung getäuscht fühlen. Gestern wurde die Plattform der Verbraucherzentralen, die vom Bundesverbraucherministerium finanziert und von der Verbraucherzentrale Hessen betreut wird, freigeschaltet. Der Ansturm war so groß, dass die Seite schon kurz nach dem Start morgens um elf Uhr zusammenbrach und auch am Abend noch nicht geöffnet werden konnte.

          Das Projekt ist umstritten. Lebensmittelindustrie und Handel machen seit langem dagegen Stimmung, weil sie fürchten, zu Unrecht an den Pranger gestellt zu werden. „Das Portal birgt die Gefahr, dass ein rechtskonformes Produkt gebrandmarkt wird, nur weil sich ein Verbraucher subjektiv getäuscht fühlt“, sagt ein Sprecher des Nestlé-Konzerns. Grundsätzlich befürworte man den offenen Dialog mit Verbrauchern. „Das ist für uns seit Jahren selbstverständlich.“

          Schweineleber in der Kalbsleberwurst

          In der Tat stoßen die Verbraucherschützer mit dem Portal in eine Grauzone. Wer zum Beispiel „Schwarzwälder Schinken“ kauft, darf nicht erwarten, dass die Schweine, die dafür geschlachtet wurden, im Schwarzwald im Stall standen. Kalbsleberwurst darf neben Kalbfleisch auch Schweineleber enthalten. Der Hauptbestandteil ist ohnehin Schweinefleisch. Rechtlich ist die Kennzeichnung korrekt, auch wenn sich Verbraucher getäuscht fühlen.

          Es ist die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission, die solche Verkehrsbezeichnungen festlegt. Neben Industrie, Wissenschaft und Lebensmittelkontrolle hat dort der Verbraucherschutz ein Viertel der Stimmen, kann sich gegen die anderen Gruppen aber oft nicht durchsetzen. „Schon eine einzige Gruppe kann Beschlüsse blockieren“, sagt Hartmut König. Der Leiter der Ernährungsabteilung der Verbraucherzentrale Hessen sitzt in dieser Lebensmittelbuch-Kommission. Vom neuen Portal erhofft er sich Argumentationshilfe.

          Erfolgsmeldungen unter „Geändert“

          Aktuell können Verbraucher auf dem Portal lebensmittelklarheit.de per Mausklick darüber abstimmen, wie viel Kalbfleisch „Kalbswiener“ enthalten sollen - 15, mehr als 50 oder 100 Prozent. Nach dem recht vagen Leitsatz im Lebensmittelbuch darf eine Kalbswurst mit der Bezeichnung „Kalbswiener“ aus unterschiedlichen Mengen Rind-, Schweine- und Kalbfleisch hergestellt werden. Kalbfleisch muss immerhin auch enthalten sein.

          Gehen Beschwerden über korrekte Verkehrsbezeichnungen ein, erscheinen Produkte anonymisiert in der Rubrik „Erlaubt“. Unter „Geändert“ werden Erfolgsmeldungen wie die geänderte Rezeptur beim Onko-Kaffee verbucht. So oder so werden Beschwerden erst nach Überprüfung online gestellt oder, wenn sie etwa Hygienevorschriften betreffen, auch an die Lebensmittelüberwachung weitergeleitet. Mitarbeiter der Verbraucherzentrale Hessen kaufen bei einer Meldung ein Produkt und prüfen, ob die Vorwürfe nachvollziehbar sind. Erst dann wird der Hersteller informiert und hat sieben Tage lang Zeit, sich zu äußern. Die Reaktion wird ebenfalls veröffentlicht.

          „Förmliche Abmahnungen an der Hand abzuzählen“

          Das System ist nicht neu. Die Verbraucherzentrale Hamburg stellt schon seit einigen Jahren Lebensmittel, die vorgeben, mehr zu sein, als sie tatsächlich sind, im Internet bloß und hatte deswegen kaum Schwierigkeiten mit den Herstellern. „Förmliche Abmahnungen kann man an der Hand abzählen“, sagt ein Sprecher. Er ist überzeugt von dem System, weil Verbraucher wie Anbieter mit der Nase auf ein Problem gestoßen würden. „Aufgeklärte Unternehmen sehen das im Übrigen auch so.“

          Ähnliches berichtet die Organisation Foodwatch, die Ende 2007 mit dem Beschwerde-Portal abgespeist.de online ging (siehe Infokasten). Anfangs hätten die meisten Hersteller nicht reagiert. „Inzwischen leistet sich das kein Unternehmen mehr“, sagt ein Sprecher. Oft würden Produkte nach Beschwerden geändert, manchmal auch vom Markt genommen. Auch wenn sich die Unternehmen rechtlich alle im Rahmen der Gesetze bewegten - das Ergebnis bleibe dennoch irreführend. „Und nicht alles, was legal ist, muss auch legitim sein.“

          Meckern per Mausklick

          Inzwischen gibt es eine Reihe von Beschwerdeportalen im Internet. Eine Auswahl:

          www.lebensmittelklarheit.de : Bananenschokolade ohne Banane, sondern nur mit Aroma - solche und andere Widersprüche zwischen Werbeversprechen und Zutatenliste können Verbraucher fortan über das neu freigeschaltete und vom Bundesverband der Verbraucherzentralen betriebene Portal lebensmittelklarheit.de melden. Es geht dabei nicht um eindeutige Rechtsverstöße. Das Portal soll ein Forum für Kunden schaffen, die sich durch die Aufmachung von Produkten getäuscht fühlen, auch wenn diese legal ist. Mitarbeiter der Verbraucherzentrale Hessen, die das Portal federführend betreibt, prüfen die Beschwerden auf Stichhaltigkeit. Meckert ein Verbraucher zu Recht, wird das entsprechende Produkt mit Bild und der Beschwerde veröffentlicht; ebenso mit der Stellungnahme des Herstellers, der sieben Tage Zeit hat, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Verbesserungen erscheinen in der Rubrik „geändert“.

          www.abgespeist.de : Unter dieser Internetadresse bietet der Verein Foodwatch Verbrauchern schon seit 2007 die Möglichkeit, Etikettenschwindel zu melden und sich an E-Mail-Protestaktionen zu beteiligen. Dass die Firma Gutfried das Schweinefleisch aus ihrem Geflügelaufschnitt „Extra feine Puten Cervelatwurst“ verbannte, ist laut Foodwatch auf knapp 10 000 Beschwerde-Mails von Verbrauchern zurückzuführen.

          www.verbraucherfenster.hessen.de : Auf der Internetseite des hessischen Verbraucherschutzministeriums steht auch ein sogenannter Beschwerde-Button. Darunter finden Verbraucher ein Formular, mit dem sie, auch anonym, Hygieneverstöße in Betrieben, die Verwendung verdorbener Lebensmittel sowie irreführende Kennzeichnung melden können. Erweisen sich die Beschwerden als korrekt, werden die verantwortlichen Unternehmen abgemahnt. Werden Verstöße auch bei zweiter Mahnung nicht beseitigt, folgt eine Veröffentlichung im Internet, wie seinerzeit bei einem Wiesbadener Italiener, der die Verwendung von billigem Schinkenersatz nicht auf der Speisekarte erklärt hatte.

          www.mängelmelder.de : Hierbei handelt es sich eher um eine Beschwerdeseite für das öffentliche Leben. Bürger, die sich über Schlaglöcher in Straßen, Graffiti an Hauswänden und Müllberge ärgern, können Bilder mit Ortsangabe einstellen. Die Beschwerde wird an die zuständige Behörde weitergeleitet. Das System informiert über Zuständigkeiten und den Bearbeitungsstand. Betreiber ist die Darmstädter Wer-denkt-was GmbH, eine Ausgründung der Technischen Universität. (hoff.)

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