https://www.faz.net/-gzg-7pwbw

Kommentar zur Energiewende : Ein neuer Lastenausgleich

Lastenausgleich? In Hessen sollen zahlreiche neue Windräder gebaut werden. Bild: dpa

Die Wirtschaftskraft Hessens trägt maßgeblich zum Wohlstand bei. Das sollte bei der Energiewende und dem Bau von Windrädern berücksichtigt werden - als Lastenausgleich.

          Wahlniederlagen steigern die Einsicht. Es ist wohltuend, dass die hessische FDP die Rückkehr zu einer „vernunftgeleiteten Energiepolitik“ fordert, schon weil es grundsätzlich misstrauisch stimmt, wenn sich alle Parteien im Lande auf ein gemeinsames Ziel verpflichten. Ob es viel nutzt?

          Keine Frage, der Zeitgeist steht günstig für die Befürworter und Profiteure der Energiewende. Aus ihrer Sicht besser noch: Er verbindet sich mit urdeutschen Instinkten. Getrieben von der im Ausland berüchtigten „German Angst“ wurden aus Fukushima radikale Konsequenzen gezogen. Und mit bekanntem Missionsdrang wird die Stabilisierung gleich des ganzen Weltklimas propagiert.

          Lastenausgleich bei der Energiegewinnung

          Auch Hessen will bis 2050 Ökostrom-Selbstversorger sein, da kommt die alte deutsche Sehnsucht nach Autarkie durch: Biblis ist abgeschaltet, dafür sollen auf den Kämmen von Taunus und Odenwald Riesenwindräder entstehen. Und wo sich Widerstand regt, schrecken die Energiewendebetreiber selbst vor dem Mittel der Bestechung nicht zurück. Offen wird in der schwarz-grünen Koalition gesagt, man müsse die betroffenen Kommunen an den Einnahmen aus den Anlagen beteiligen, um die bisher kritischen Bürger von den Vorteilen zu überzeugen.

          Das zynische Kalkül könnte aufgehen. Denn die widerständigen Bürger bekommen von außen wenig Unterstützung. Ein Traditionsstrang ist verkümmert: die Liebe der Deutschen zu ihrem Wald. Gerade die mehrheitlich städtisch geprägten Grünen opfern den Naturschutz auf dem Altar des vermeintlich höherrangigen Umweltschutzes. Und wer Landschaftsschutz einfordert, wird als hoffnungsloser Romantiker gescholten.

          Dabei ist nicht einzusehen, dass die schönsten Aussichten im Rhein-Main-Gebiet verschandelt werden, damit ein winziger Anteil des Energiebedarfs aus der Region selbst gedeckt wird. Es ist das extrem dicht besiedelte und belastete Rhein-Main-Gebiet, das maßgeblich zu dem Wohlstand beiträgt, der über den Länderfinanzausgleich umverteilt wird. Es hat seinerseits den berechtigten Anspruch auf einen Lastenausgleich in Sachen Energiegewinnung. An der Küste und in den Ebenen Sachsen-Anhalts weht ohnehin mehr Wind.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.