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Kommentar : Der Schutz des Sonntags

Service: Verbraucher haben sich daran gewöhnt, auch am Sonntag Hotlines für Bankgeschäfte, Bestellungen oder technische Probleme anzurufen. Bild: dpa

Der arbeitsfreie Sonntag ist in der Bevölkerung beliebt. Das Bestellen von Waren im Internet am Wochenende samt Verfügbarkeit einer Hotline jedoch auch. Das aktuelle Urteil zur Sonntagsarbeit vernachlässigt dies.

          Als die hessische Landesregierung 2011 eine Regelung unter der sperrigen Bezeichnung Bedarfsgewerbeverordnung erließ, hatte sie nicht im Sinn, den Schutz des Sonntags auszuhöhlen. Sie wollte, was eigentlich stets gutgeheißen wird, Bürokratie abbauen. Denn bis dahin hatte sich eine Fabrik, in der wegen hoher Nachfrage ausnahmsweise am Sonntag die Bänder laufen sollten, dies vom Regierungspräsidium genehmigen lassen müssen. Seitdem reicht es, diese Beschäftigung dort anzuzeigen. Es war eine kleine Erleichterung für Unternehmen, mehr nicht.

          Es war auch keineswegs so, dass die Hessen dies erfunden hätten. Vielmehr gab es schon in einer Reihe anderer Bundesländer ähnliche Bestimmungen. Wer also jetzt so tut, als habe seinerzeit eine Landesregierung in Wiesbaden gleichsam Amtshilfe geleistet, den Sonntagsschutz einzuebnen, und sei jetzt vom Bundesverwaltungsgericht zurück auf den Pfad der Tugend gezwungen worden, kennt die Vorgeschichte nicht. Es ist ja auch wirklich nicht so, dass in Hessen seit 2007 alle Tage Werktage wären.

          Unklar ist nur, was aus den Callcentern wird

          Tatsächlich werden sich die Folgen der Klarstellung des Bundesverwaltungsgerichts, welche Sonntagsarbeit unterbleiben soll und welche nicht, in Grenzen halten. Schon jetzt gibt es einen umfangreichen Katalog von Tätigkeiten, die am siebten Tag der Woche erledigt werden dürfen, einschließlich der Zeitungsproduktion. Die Leipziger Richter haben nun festgehalten, dass Videotheken, Stadtbüchereien, Callcenter und Lottoannahmestellen nicht auf diese Liste gehören. Was ändert das? Die Videotheken sind weitgehend vom Internet verdrängt, Stadtbüchereien pflegen sowieso nicht sonntags zu öffnen, und Lottoannahmestellen werden vor der Ziehung am Samstag aufgesucht, nicht danach.

          Unklar ist daher vor allem, was aus den Callcentern wird. Zwar genießt der Schutz des Sonntags große Sympathie in der Bevölkerung, doch nicht weniger beliebt ist es, am Wochenende Bankgeschäfte zu erledigen, etwas zu bestellen oder bei einer Hotline anzurufen, wenn der Computer nicht läuft. Würde dies in Hessen unterbunden, dürften die Unternehmen neue Callcenter anderswo aufbauen, womöglich gleich im Ausland mit radebrechendem Personal, weil das Urteil dereinst auch Folgen für Teile Deutschlands zeitigen könnte. Die Frage, wie ein zeitgemäßer Sonntagsschutz im Zeitalter der Digitalisierung aussehen soll, haben die Leipziger Richter keineswegs beantwortet.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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