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Joseph Fischer : Tanz auf einem zu dünnen Seil

  • -Aktualisiert am

Eidgenossen:Regierungschef Börner und sein Umweltminister Fischer (rechts) Bild: dpa

Es war eine Provokation. Auf den Tag genau vor 25 Jahren legte Joseph Fischer, der erste Minister der Grünen, den Amtseid ab – in Turnschuhen.

          3 Min.

          Es war eine Provokation. Als der neue Minister zur Vereidigung schritt, ging ein Raunen durch die Reihen der Abgeordneten im Hessischen Landtag. Joseph, genannt „Joschka“, Fischer, leistete den Eid auf die Verfassung in tags zuvor gekauften Turnschuhen. Der demonstrative Auftritt sollte eine witzige Reaktion darauf sein, dass die Grünen-Abgeordneten von anderen Parteien als „Turnschuh-Fraktion“ diskreditiert wurden. Das Bild des Ministers in weißen Sportschuhen ging um die Welt.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am 12. Dezember 1985, am Sonntag vor 25 Jahren, wurde der erste zur Partei der Grünen gehörende Minister Deutschlands vereidigt. Fischer war ehemals Straßenkämpfer und Hausbesetzer, hatte sich inzwischen aber zum pragmatischen Öko-Politiker gewandelt und seine Partei zielstrebig auf ein Bündnis mit der SPD ausgerichtet. Dem historischen Tag waren lange Debatten über eine Regierungsbeteiligung vorausgegangen. Dann setzte sich der Mehrheitsflügel der „Realos“ unter Fischer gegen die „Fundis“ durch, die Fundamentalopposition betreiben wollten.

          Enormer Unterhaltungswert der neuen Fraktion

          1982 waren die Grünen als politische Repräsentanten der Umweltbewegung erstmals in das Landesparlament eingezogen. Der Auftritt der neuen Fraktion in Wiesbaden hatte nicht zuletzt enormen Unterhaltungswert, was ihrer Unerfahrenheit, aber auch skurrilen Parteivertretern wie Raphael Keppel zu verdanken war, der einmal ein Flugzeug entführt hatte, um für eine bessere Welt zu demonstrieren. Der Parlamentarier Frank Schwalba-Hoth bespritzte einen amerikanischen General mit Blut, das er sich selbst zuvor abgezapft hatte – aus Protest gegen die Militärpolitik der Supermacht.

          Im Oktober 1985, acht Wochen vor der Kür Fischers zum Chef des neugeschaffenen Ministeriums für Umwelt und Energie, hatten SPD und Grüne eine Koalition vereinbart, das erste rot-grüne Bündnis in einem Bundesland. Die „Fundis“ um ihre Wortführerin Jutta Ditfurth tobten, warfen den Protagonisten einer Regierungsbeteiligung Ausverkauf und Machtgier vor. „Der Spiegel“ spottete über den Koalitionsvertrag: „Die Grünen gaben sich damit zufrieden, dass sie sich künftig um den Bestand von Vogelarten kümmern dürfen, aber nicht um den Abbau der Kernenergie.“ Erst im Juni 1985 hatten SPD und Grüne ihre Zusammenarbeit wiederaufgenommen, nachdem die Grünen die Tolerierung des SPD-Minderheitskabinetts Holger Börner im Dezember 1984 nach einem Streit über die Atompolitik aufgekündigt hatten.

          „Das Seil ist doch sehr dünn, auf dem ich tanze“

          In der neuen Regierung waren die Grünen durch Fischer sowie durch die Staatssekretäre Karl Kerschgens (Umwelt) und Marita Haibach (Frauenrechte) vertreten. Blankes Entsetzen prägte die Stellungnahmen mancher führender Repräsentanten der hessischen Wirtschaft: Der Vorstandsvorsitzende der Hoechst AG, Wolfgang Hilger, erwog angesichts der aus seiner Sicht industriefeindlichen Politik der neuen Koalition Investitionsverlagerungen in andere Bundesländer und ins Ausland.

          Der befürchtete Niedergang Hessens blieb aus, aber eine Erfolgsgeschichte wurde das rot-grüne Zweckbündnis auch nicht. Schon kurz nach seinem Amtsantritt äußerte sich Fischer skeptisch über die Dauer des politischen Experiments. „Das Seil ist doch sehr dünn, auf dem ich tanze“, sagt er. „Ob es überhaupt befestigt ist oder ob ich mich bereits samt Seil im freien Sturz befinde, lässt sich zur Stunde noch nicht ausmachen.“ Ein Jahr später klagte er verbittert, Umweltminister seien nichts anders als „Kanalreiniger und Müllkutscher der Großindustrie“. Die Realitäten zwängen ihn zu Kompromissen, „die mein grünes Herz bluten lassen“.

          Von der grünen „Chaos-Truppe“ zur „stinknormalen Partei“

          Die Zweifel erwiesen sich als berechtigt: Schon nach gut einem Jahr war Rot-Grün am Ende – gescheitert am Streit über die Atomfabrik in Hanau. Bei den Landtagswahlen Anfang 1985 errang ein CDU/FDP-Bündnis die Mehrheit, mit Walter Wallmann wurde erstmals ein CDU-Politiker Regierungschef in Hessen.

          Der Rest ist Geschichte: Aus der grünen „Chaos-Truppe“ wird eine „stinknormale Partei“, Fischers Turnschuhe kommen ins Museum, ihr Träger macht Karriere als Bundesaußenminister und zeitweise beliebtester Politiker der Republik. Die Grünen, vor 25 Jahren von vielen als vorübergehende Erscheinung betrachtet, kommen inzwischen bei Umfragen auf Werte von mehr als 20 Prozent und dürfen sich ernsthaft Hoffnung machen, irgendwann einen Ministerpräsidenten zu stellen.

          „In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts galten unsere Vorstellungen noch zum größten Teil als Außenseiterpositionen“, sagt der heutige Grünen-Landesvorsitzende Tarek Al-Wazir. „Nichtsdestotrotz zeigten sie in die Zukunft, und wir haben wichtige politische Weichenstellungen vorgenommen.“ Und was könnte den Wandel, den die hessischen Grünen vollzogen haben, wohl besser dokumentieren als die Tatsache, dass ein Bündnis mit der CDU auf Landesebene heute zumindest nicht mehr ausgeschlossen wird?

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