https://www.faz.net/-gzg-8595l

Islamisten aus Hessen : Immer mehr werden zu „Gotteskriegern“

Grenzkontrolle: Die Bundespolizei und der Verfassungsschutz haben einen genauen Blick auf ausreisewillige Dschihadisten. Bild: dpa

Rund 120 hessische Islamisten kämpfen mittlerweile in Syrien und im Irak. Damit hat sich ihre Zahl in nur einem Jahr fast verdoppelt. Der Anteil der Frauen und Mädchen unter den Dschihadisten steigt.

          Die Zahl der aus Hessen stammenden Islamisten, die den „Heiligen Krieg“ meist in Syrien oder im Irak führen wollen, ist in den vergangenen Monaten auf etwa 120 gestiegen. Innerhalb eines Jahres bedeutet das fast eine Verdoppelung. Die Zahl schätzt das Innenministerium in Wiesbaden und bestätigt, dass überdurchschnittlich viele der etwa 700 deutschen „Gotteskrieger“ aus dem Bundesland stammen. Das Ministerium erklärt das damit, Salafisten seien wie in anderen Ballungsräumen im Rhein-Main-Gebiet und in Kassel besonders aktiv.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Anteil der Mädchen und jungen Frauen, die sich terroristischen Organisationen wie dem „Islamischen Staat“ (IS) oder einer Gruppierung des Netzwerks Al Qaida anschließen wollen, soll schon ein Viertel betragen - ein Trend, der Polizei, Verfassungsschutz, aber auch Schulen und Jugendämter besonders besorgt. Viele von ihnen werden regelrecht angeworben, zumeist um den Kämpfern als Partnerin zur Verfügung zu stehen, einzelne beteiligen sich auch an militärischen Operationen oder leisten Hilfsdienste.

          Internationale Konferenz in Frankfurt

          Auf einer internationalen Konferenz, die das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islamismus an diesem Freitag veranstaltet, wollen Politiker, Wissenschaftler, Strafverfolger und Verfassungsschützer darüber sprechen, wie dieser Radikalisierung in Zivilgesellschaften vorgebeugt werden kann.

          Der Anteil der Dschihadisten, die nach Hessen zurückgekehrt seien, liegt laut Ministerium bei etwa einem Viertel. Zu vielen gebe es keine gesicherten Informationen darüber, ob sie an Kampfeinsätzen in Syrien oder im Irak beteiligt gewesen seien, sagte ein Sprecher auf Anfrage.

          Rückkehrer oft schweigsam

          Es ist ein offenes Geheimnis, dass deutsche Verfassungsschützer und Strafverfolger weiterhin zu einem großen Teil auf Hinweise amerikanischer und anderer Nachrichtendienste angewiesen sind. Die eigenen Kapazitäten reichen längst nicht aus, in den Kriegswirrnissen des Nahen und Mittleren Ostens zu überschauen, wer sich welchen Organisationen anschließt. Besonders schwer sind offenbar angesichts der weiterhin offenen Grenze zwischen der Türkei und Syrien Erkenntnisse zu gewinnen, wie viele sich an Waffen oder Sprengstoff in einem der vielen Camps ausbilden lassen und dann womöglich nur kurz an Militäreinsätzen teilnehmen.

          In welcher Verfassung und mit welchen Absichten sie wieder in der Heimat landen, bleibt in vielen Fällen fast völlig verborgen. Selbst wenn sie sich vor Gericht verantworten müssen, etwa wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung oder Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat, geben sie von sich eher wenig preis oder allenfalls so viel, dass es als Geständnis gewertet und zu einem entsprechenden Strafrabatt führen kann.

          Derzeit stehen in zwei Verfahren vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts insgesamt sieben junge Männer. Sechs von ihnen hatten sich in Somalia der Terrororganisation al Shabaab angeschlossen. Allein muss sich in dem anderen Verfahren ein in Rüsselsheim aufgewachsener Vater zweier Kinder verantworten, der in Syrien in der Terrorgruppe Jabhat Al-Nusra, einem Ableger von Al Qaida, gegen das Assad-Regime gekämpft haben soll.

          Während in diesen Prozessen die Bundesanwaltschaft die Anklage vertritt, führt nach wie vor die Frankfurter Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen das deutschtürkische Ehepaar aus Oberursel, das verdächtigt wird, für den 1. Mai einen Anschlag auf den Radsportklassiker geplant zu haben. Die Polizei fand in deren Haus eine Rohrbombe, zum Bau eines Sprengsatzes geeignete Chemikalien und Waffen. Noch immer herrscht, um die Ermittlungen nicht zu gefährden, eine Informationssperre. Dass die Bundesanwaltschaft das Verfahren nicht an sich gezogen hat, kann als gutes Zeichen gedeutet werden. Karlsruhe hätte übernommen, wenn es Hinweise auf eine größere Gruppe oder weitere Anschlagspläne gäbe, heißt es.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anschläge in Sri Lanka : Massenmord an Ostersonntag

          Die Anschläge von Sri Lanka fügen sich ein in das Bild einer neuen terroristischen Internationale, die ihre Taten „ankündigt“. Das müssen die Sicherheitsbehörden ernst nehmen, um der schieren Mordlust zu begegnen.

          Glückwünsche an die Ukraine : Die Präsidentenwahl ist ein positives Signal

          Der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj hat keine politische Erfahrung und wird kaum alles besser machen. Und doch ist die Art und Weise, wie der Machtwechsel stattfindet, eine seltene Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.