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Internationale Tourismusbörse : An Prospekten aus Hessen herrscht kein Mangel

  • -Aktualisiert am

Mit Klatsche: Das tapfere Schneiderlein (rechts) wirbt für Hessen. Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Hessen, Rhein-Main und Aschaffenburg präsentieren sich in Berlin mit einem gemeinsamen Stand. Gut so. Aber verbesserungsfähig.

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          Das Land Hessen gehört dem tapferen Schneiderlein und enthält ungefähr eine Million Flyer, eine Kegelbahn, einen Massagestuhl und eine Bar, an der der Kaffee ganz okay schmeckt. Danach sieht es zumindest auf der Tourismusmesse ITB in Berlin aus, die am Mittwoch begonnen hat. Dort wird – organisiert und finanziert vom Land, Frankfurt/Rhein-Main und Wiesbaden – auf 900 Quadratmetern der Versuch unternommen, die Welt von Hessens Reizen zu überzeugen. Das ist aber nicht so einfach, denn die Messe hat Hessen zu einem klassischen Durchreiseland degradiert, das sich zwischen zwei größeren Hallen präsentieren muss, zwischen denen unentwegt Fachbesucher hin und her eilen, ohne Hessen besonders zu beachten.

          Das liegt auch daran, dass Hessen hier leider eher langweilig aussieht. Kleine Infostände bilden einen großen Kreis, in dessen Mitte Buchsbaumkübel einen kleineren Kreis bilden, in dessen Mitte wiederum eine Theke steht. Zwischen Theke und Buchsbäumen gibt es Tische und Stühle, an denen Fachbesucher Fachgespräche führen, weswegen die Hostessen auch nur Menschen mit Termin hereinlassen. Über allem hängt ein 360-Grad-Transparent mit fotomontierten hessischen Attraktionen wie der Frankfurter Skyline, Kongresscentern und Bembeln, also den Dingen, die auch in den zahllos ausliegenden Broschüren abgebildet sind, die nahelegen, dass die Region an einem Ruf als „Hessen – Land der Prospekte“ arbeitet.

          Die Kasachen frittieren irgendetwas

          Die Schweizer jedenfalls haben einen Superstand aus ganz viel Holz mit Käsevitrinen drin, und bei den Iranern gibt es Tee für jeden, die Kasachen frittieren irgendetwas, bei den Polen spielt eine Band. Hessen setzt ein paar Kisten Äpfel dagegen, aus denen sich jeder bedienen kann, und es hat das tapfere Schneiderlein. Da zahlt es sich aus, dass das Land, die Region Rhein-Main und die Städte Frankfurt und Wiesbaden sich erstmals gemeinsam auf der Messe präsentieren: Denn so profitieren alle vom Brüder-Grimm-Jubiläumsfieber.

          Lutz Jahr, Zwirbelbart und buntes Kostüm, mimt das Schneiderlein und spricht in einer Art improvisiertem Lutherdeutsch Passanten an, Jacob Grimm mit Wörterbuch unterm Arm assistiert. Es gilt, sieben Holzkegel mit aufgeklebten Plastikfliegen umzukegeln, und wer das schafft, bekommt als Preis eine Fliegenklatsche aus Plastik. „Wohlan, Drache“, ruft das Schneiderlein, als auch der grüne Plüschkostümdrache aus Ljubljana mal vorbeischaut, und da klappt es mit der Völkerverständigung in Hessen, denn der Drache spielt freudig mit und macht ausladende Gesten des Bedauerns, als er nur zwei Kegel umwirft. Noch mehr Grimm-Späße gibt es bei den Märchenfestspielen in Hanau, der „Brüder-Grimm-Stadt“.

          „Aschaffenburg - Die Kulturstadt“

          Eine Messe ist für Städte immer auch eine gute Gelegenheit, einige ihrer Slogans der Welt zu präsentieren, und vielleicht gibt es all die Flyer auch, damit man die nicht ganz so schnell vergisst, wie man möchte. „Taunus. Die Höhe“, „Aschaffenburg – Die Kulturstadt“, „Darmstadt ist Leben“, „Frankfurt – Das Herz des Frauenfußballs“, „Offenbach, die Stadt der Vielseitigkeit“ und „Willkommen im Entdeckungsreich Hessen“ heißt es da beispielsweise. Und weil davon wahrscheinlich vielen Besuchern der Kopf schwirrt, präsentiert sich Hessen auf der Messe mit vier Schwerpunkten: Gesundheit und Wellness, Natur und Aktiv, Tagung und Kongress sowie Städte und Kultur, selbstredend alles „Highlights“.

          Frankfurt sei natürlich mehr Stadt und Kongress als Natur, heißt es am zuständigen Stand, während in Offenbach die „Apfelwein-Route“ für Radfahrer sehr beliebt sei. Auch am Aschaffenburg-Stand hat man schon mehrfach die Broschüren über den Main-Radweg nachlegen müssen. „Wir sind Bayern, fühlen uns der Rhein-Main-Region aber zugehöriger als den Franken“, erklärt ein Mitarbeiter den Aschaffenburger Sonderweg.

          Hessen von seiner Wellness-Seite

          Am anderen Ende der Halle zeigt sich Hessen von seiner Wellness-Seite. Ein Hotel hat einen Massagestuhl und ein paar Sitzsäcke aufgestellt. Auf einem Plakat dahinter ist ein schönes Schwimmbad abgebildet, das der junge Masseur aber nicht zuzuordnen weiß: „Das Poolbild hat die Messefirma aufgestellt“, sagt er schulterzuckend. Und massiert lieber weiter die junge Frau auf dem Stuhl, „als kleines Geschenk in unserer stressigen, schnelllebigen Zeit“, und langsam sehnt man sich nach jemandem, der nicht Prospektsprache, sondern Hessisch spricht.

          Immerhin, das Essen ist authentisch, es gibt Gulasch vom Vogelsberger Weiderind, Odenwälder Ofenkartoffeln, Oberhessisches Kassler und Frankfurter Würstchen. Auch ein Kicker ist da, der, wie natürlich Flyer erklären, Lust auf die Frauenfußball-WM machen soll, obwohl die Spieler eindeutig Männer sind, die mit ihren Helmen eher wie Bauarbeiter aussehen. Ob das eine Anspielung auf die Eintracht sein soll, steht leider nicht im Flyer. Am Wochenende, wenn neben Fachbesuchern auch reisefreudige Laien die Messe besuchen dürfen, wird wohl mehr gekickert als jetzt, wo vor allem schnell gelaufen und viel gefachsimpelt wird.

          Und dann werden am Frankfurt-Stand die Ebbelwei-Probiergläschen nachgefüllt, und kurz fühlt man sich dann doch zu Hause in dem Messe-Hessen.

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