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Im Gespräch: Günter Haas von der Kassenärztlichen Vereinigung : „Wenn es nicht funktioniert, muss man korrigieren“

  • Aktualisiert am

Kritik an der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen: In Bad Vilbel, Groß-Gerau und Neu-Isenburg sollen die Bereitschaftsdienstzentralen geschlossen werden. Bild: dpa

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen organisiert das Angebot für den Notdienst neu. Der stellvertretende Vorsitzende Günter Haas äußert sich im Gespräch zur Reform und den Protesten dagegen.

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          Die KVH wird zurzeit aus Bad Vilbel, Groß-Gerau und Neu-Isenburg heftig angegriffen, weil dort Bereitschaftsdienstzentralen geschlossen werden sollen. Gab es zuvor keine Kritik?

          Es gab lokale Proteste, aber nicht in dieser massiven Form. In Nordhessen und an der Bergstraße hielt sich die Kritik in Grenzen. Die Nordhessen waren auch bisher mit den Diensten nicht verwöhnt. Dort hat sich eher das eine oder andere verbessert. Jetzt wird die Kritik intensiver, weil wir an Bezirke herangehen, die gut organisiert waren und wo die Beteiligten nicht einsehen, warum sich etwas ändern sollen. Im Rhein-Main-Gebiet haben wir ein ausgeprägtes Protestpotential.

          Finden Sie die Proteste nicht berechtigt?

          In Südhessen gibt es schon einschneidende Veränderungen. Es gab hier eine Fülle von gut funktionierenden regionalen Versorgungssystemen mit einer Vielzahl von Zentralen. Im Kreis Groß-Gerau gab es zum Beispiel früher einmal fünf Zentralen, das wurde schon reduziert. Wenn jetzt die Zentrale in Groß-Gerau geschlossen wird, bleiben nur noch zwei übrig: Riedstadt und Rüsselsheim.

          Also haben Sie sich die schwierigen Gebiete fürs Ende aufgespart?

          Ja. Wir wollten nicht mit dem Schwierigsten anfangen, also dem Rhein-Main-Gebiet. Sondern haben erst mal geguckt, was kann man überschaubar umstrukturieren. Jetzt bringen wir Erfahrung mit. Dennoch haben wir hier einen Aufstand.

          Bisher haben Sie den Protesten noch nie nachgegeben, oder?

          In großen Fragen haben wir nicht nachgegeben, in kleineren Dingen durchaus. Wir sind nicht beratungsresistent. Wenn sich zeigt, dass unsere Berechnungen nicht stimmen, dann haben wir neue Zahlen berücksichtigt.

          Es wird immer wieder gefordert, dass sich Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) einschaltet. Kann er das überhaupt?

          Wir haben ein gutes Verhältnis zum Sozialministerium und Herrn Grüttner, das wir weiter pflegen wollen. Von der rechtlichen Konstruktion ist es jedoch so, dass das Ministerium die Rechtsaufsicht und nicht die Fachaufsicht hat. Das ist zumindest unsere Auffassung. Es müsste eingreifen, wenn Entscheidungen der KV gegen rechtliche Vorschriften verstoßen. Das ist hier nicht der Fall. Das hat Herr Grüttner bisher auch so akzeptiert.

          Was würden Sie machen, wenn Herr Grüttner anordnen würde, dass zum Beispiel die Zentrale in Bad Vilbel bleiben muss?

          Damit rechne ich nicht. Wenn es doch so wäre, würden wir dagegen klagen, das weiß auch das Ministerium.

          Bislang wurden die Dienste von Ärzten in den Kommunen oder Kreisen organisiert. Jetzt geschieht dies zentral von Frankfurt aus. Warum?

          Das war ein Beschluss der Vertreterversammlung, die sich damit etwa zwei Jahre lang beschäftigt hat. Die KV Hessen hat den Sicherstellungsauftrag für die Versorgung der Patienten. Wir müssen auch die Versorgung in sprechstundenfreien Zeiten garantieren. Das heißt aber nicht, dass die Patienten dann einen Arzt in zehn Minuten Fußweg erreichen müssen.

          Gibt es eine Vorgabe zur Entfernung?

          Nein. Wir haben ganz Hessen mit einem Netz von Bezirken überzogen. Die haben jeweils einen Durchmesser von etwa 50 Kilometern. Die Zentralen haben also einen Einzugsradius von 25 Kilometern. Insgesamt gibt es nach der Umstellung 45 Bezirke mit 55 Zentralen. Bisher waren es mehr als 100 mit etwa 80 Zentralen. Gerade auf dem Land, wo es zum Teil noch keine Zentralen gab, sondern der Bereitschaftsdienst kollegial organisiert war, wurden größere Bezirke gebildet, um weniger Arzt-Zeit zu benötigen.

          „Patienten müssen den Arzt nicht in zehn Minuten Fußweg erreichen“: Günter Haas, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen im Interview.

          Wie haben die Ärzte das aufgenommen?

          Die Ärzte speziell in ländlichen Bezirken haben das sehr positiv aufgenommen, weil sie entlastet werden. Das ist eine Investition in die Zukunft. Ein gesicherter Bereitschaftsdienst, der die Ärzte nur wenig in Anspruch nimmt, ist ein Muss, wenn Sie einen Praxisnachfolger suchen. Kein junger Arzt geht in einen Bezirk, in dem er jedes dritte Wochenende Dienst machen muss. Wenn die KV nichts tut, werden viele Arztpraxen nicht mehr nachbesetzt. Das würde noch mehr Proteste auslösen.

          Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass die Kosten für den Rettungsdienst nach der Umstellung steigen werden?

          Das ist eher ein politisches Argument. Vom Land und den Rettungsdiensten wurde ja ein Modell favorisiert, das den Zusammenschluss mit dem Rettungsdienstsystem vorsieht. Dagegen hat sich die Vertreterversammlung entschieden.

          Warum?

          Die Politik wollte die enormen Kosten des Rettungsdienstes, die für die Logistik entstehen, partiell auf die KV umlegen. Als Zwangsumlage, ohne dass wir Einfluss auf die Kostenstrukturen gehabt hätten. Wir hätten zahlen dürfen, aber nur wenig mitbestimmen können. Das fanden wir nicht sinnvoll.

          Sie haben überprüft, wie ausgelastet die Zentralen waren. Wurden die, die jetzt geschlossen werden, nicht so gut besucht?

          In der Regel waren das kleine Zentralen, in die weniger als 5000 Patienten im Jahr kamen.

          Werden die übrigen Zentralen jetzt stärker belastet, wie es zum Beispiel die SPD nach der Schließung der Zentrale in Bad Vilbel für Frankfurt befürchtet? Müssen die Patienten länger warten?

          Nein, das ist ein Trugschluss. In Frankfurt haben wir 100.000 Fälle im Jahr in den beiden bestehenden Zentralen, Bad Vilbel hatte 3500. Das heißt, da kommt nicht so viel, das sind maximal fünf Prozent mehr. Außerdem wissen wir, was kommt, und werden die Strukturen darauf ausrichten. Also in den Spitzenzeiten am Samstagvormittag, -nachmittag und späten Abend genügend Ärzte vorhalten. Das wird dann aufgestockt.

          Und was geschieht, wenn es doch zu übervollen Wartezimmern kommt?

          Das ist ein lernendes System. Wenn wir sehen, dass es nicht funktioniert, muss Abhilfe geschaffen werden. Es geht ja nicht um eine Fabrik, sondern um die Patientenversorgung. Das ist ein teures Gut, da dürfen keine Fehler passieren. Deshalb kalkulieren wir mit Sicherheitsreserven. Mir ist es lieber, wenn ein Arzt unbeschäftigt herumsitzt, als dass er nicht genügend Zeit für die Patienten hat.

          Wie viel Ärzte arbeiten in einer solchen Zentrale?

          Einen festen Schlüssel gibt es nicht, weil sich die Inanspruchnahme nicht auf die Bevölkerungszahl herunterbrechen lässt. Im großstädtischen Raum haben Sie ein anderes Anspruchsverhalten der Bevölkerung als in Nordhessen. Dort behilft man sich und wartet bis Montag, wenn es nicht so schlimm ist. In der Großstadt ist das anders. Da gehen die Leute in die Ambulanz und erwarten, dass sie sofort behandelt werden.

          Eine weitere Kritik ist, dass die Bereitschaftszentralen nicht einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Wie stehen Sie dazu?

          Da muss man ins Grundsätzliche gehen. Die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung hat nichts mit Verkehrsmitteln zu tun, das ist Aufgabe der Kommunen. Doch denen fehlt Geld. Deswegen ist es in ländlichen Gegenden üblich, dass man ein Auto hat, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel am Abend oder Wochenende gibt und auch keine Taxis, weil sich diese nicht rentieren. Im Odenwald, wo ich herkomme, fahren Sie selbst oder bitten Ihren Nachbarn, dass er Sie fährt.

          Sie hatten angekündigt, dass es in Zukunft mehr Hausbesuche geben wird. Gilt das besonders für Orte, in denen es künftig keine Zentrale mehr gibt?

          Davon gehen wir aus. Bisher war es ja so, dass in kleineren Bereitschaftsdienstzentralen nur ein Arzt im Dienst war. Der machte Präsenzdienst in der Zentrale und Hausbesuche. Wenn er weg war, lief das Wartezimmer voll. Die Patienten waren dann oft sehr ungehalten. Jetzt haben wir das Problem entschärft. Wir haben einen Arzt, der macht nur Präsenzdienst, der kann seinen Arbeitsrhythmus darauf einstellen. Der andere macht nur Hausbesuche.

          Wie kommt das bei den Ärzten an?

          Wir haben ja immer mehr Ärztinnen, und da gibt es viele Frauen, die nur ungern Hausbesuche machen, besonders nachts und in schwierigen Gegenden. Die können jetzt in der Zentrale bleiben. In Zukunft müssen die Ärzte nicht mehr allein zum Patienten fahren, sondern sie werden gefahren. Die Fahrer können auch assistieren, was zur Sicherheit beiträgt. Denn auch Ärzte werden zu Opfern von Gewalt. Das ist gerade für Frauen wichtig, die 70 Prozent der Studienanfänger stellen. Für die müssen wir ein adäquates Arbeitsumfeld schaffen.

          Werden Hausbesuche auch gemacht, wenn Patienten der Weg zur nächsten Zentrale zu weit ist?

          Nein. Der Patient hat Anspruch auf eine Behandlung, die Beschwerden lindert, aber nicht auf einen „Wohlfühlfaktor“.

          Welche Regionen stehen denn noch aus, wo erwarten Sie noch weitere Proteste?

          Außer dem Kreis Offenbach, in dem sich jetzt schon Widerstand regt, wird es sicher auch in Frankfurt schwierig.

          Was ändert sich in Frankfurt?

          Hier gab es Dienstzeiten, die weit über die Bereitschaftszeiten hinausgingen. Hier wird ein sogenannter Tagdienst unterhalten, den es anderswo nicht gibt.

          Heißt das, die Zentralen sind auch tagsüber geöffnet?

          Nein, nur nachts und am Wochenende. Den Tagdienst übernimmt ein Hausbesuchsdienst.

          Der soll jetzt wegfallen?

          Das könnte sein, ist aber noch nicht entschieden. Das ist eine Frage der Refinanzierung.

          Die Fragen stellte Ingrid Karb.

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