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Holbein-Madonna : Das Land, Frankfurt und Darmstadt an einem Tisch

Das Städelmuseum in Frankfurt: Hier befindet sich die Holbein-Madonna Bild: Wonge Bergmann

Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bemüht sich hinter den Kulissen, die derzeit im Frankfurter Städel-Museum präsentierte Holbein-Madonna für Hessen zu erhalten. Donatus Prinz von Hessen möchte das Gemälde in absehbarer Zukunft verkaufen.

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          Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bemüht sich hinter den Kulissen, die derzeit im Frankfurter Städel-Museum präsentierte Holbein-Madonna für Hessen zu erhalten. Regierungssprecher Dirk Metz (CDU) bestätigte auf Anfrage, dass der Ministerpräsident am Montagabend ein Gespräch mit Vertretern des Hauses Hessen geführt hat, in dem es um die Zukunft des von Hans Holbein dem Jüngeren Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffenen Meisterwerks ging. Über den Inhalt der Unterredung wollte er sich nicht äußern.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Wie berichtet, möchte Donatus Prinz von Hessen das Gemälde in absehbarer Zukunft verkaufen, um die Erbschaftsteuer für die Hessische Hausstiftung, die dem Erhalt des Vermögens der Fürstenfamilie dient, zahlen zu können. Die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) hatte schon vor zwei Wochen verlauten lassen, man sei mit den Beteiligten „in guten Gesprächen“ und hoffe auf eine „vernünftige Lösung“. Unter den Finanzpolitikern der Landtagsfraktionen herrscht angesichts des Milliardendefizits im Landeshaushalt allerdings Einigkeit, dass möglichst keine Steuergelder für einen Erwerb der Madonna fließen sollten. Das, so heißt es unisono, wäre gerade in der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise „nicht zu vermitteln“.

          Neuer Schulterschluss

          An dem Gespräch mit Koch haben nach Information dieser Zeitung unter anderen Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), ein Vertreter des Städelschen Kunstinstituts sowie Darmstadts Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann (SPD) teilgenommen. Kurz zuvor soll der Ministerpräsident separat eine Unterredung mit Vertretern der Hessischen Hausstiftung und der Erbengemeinschaft des Hauses Hessen geführt haben, deren Sprecher Prinz Donatus ist. Angeblich wurden in den beiden Treffen „unterschiedliche Modelle“ für einen Erwerb des Gemäldes diskutiert und Möglichkeiten der Finanzierung, zum Beispiel mit Hilfe von Stiftungen in Frankfurt und Darmstadt, erörtert.

          Die Zusammensetzung der Teilnehmer zeigt, dass sowohl das Land als auch die beiden Städte nach einer regionalen Lösung suchen, was keineswegs selbstverständlich ist. Das seit Kriegsende im Darmstädter Schlossmuseum verwahrte, 2003 aber als Leihgabe an das Städel gegangene Werk war Ursache eines vor allem in Darmstadt leidenschaftlich ausgefochtenen Streits über den Verbleib des Bildes zwischen den beiden Kommunen, der auch den Hessischen Landtag beschäftigte. Diese Phase scheint nun jedoch endgültig der Vergangenheit anzugehören. Dafür spricht auch der mit großer Mehrheit von der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung Ende Oktober gefasste Beschluss, der Magistrat möge nach einem „gemeinsamen Weg“ suchen, wie dieses kostbare Erbe Hessens der „Rhein-Main-Region“ erhalten bleiben kann. Dieser neue Schulterschluss wird dem Vernehmen nach ebenfalls vom Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, Herbert Beck, mitgetragen, vormals Städeldirektor und 2003 noch Gegenspieler von Darmstadts Oberbürgermeister Peter Benz (SPD).

          Testament von Prinz Ludwig von Hessen

          In dem Darmstädter Beschluss wird eine regionale Lösung angedeutet, falls es zu einem gemeinsamen Erwerb der Madonna kommen sollte. „Über die Präsentation des Bildes in immer wiederkehrenden Perioden im Städelmuseum sollte eine Einigung selbstverständlich sein“, heißt es in dem Papier. Damit ist auch die Haltung Darmstadts angedeutet, die Madonna habe nach Abschluss der Sanierung des Hessischen Landesmuseums dort ihren festen Platz zu finden.

          Der damalige Minister für Wissenschaft und Kunst, Udo Corts (CDU), hatte 2005 im Landtag auf die Frage, ob mit einer dauerhaften Rückkehr des Bildnisses nach Darmstadt zu rechnen sei, gesagt: „Ich glaube, das Haus Hessen würde sich in der Öffentlichkeit absolut desavouieren und für die Zukunft unglaubwürdig zeigen, wenn es nicht bei dem bliebe, was es einmal zugesagt hat – nämlich dass die Holbein-Madonna nach Abschluss der Arbeiten zurück nach Darmstadt kommen soll.“ Südhessen verweist zudem gern auf das Testament von Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein, der 1961 seine Erben bat, die Madonna in Darmstadt zu belassen.

          Informationsstand im Landtag

          Bei den nächsten Gesprächen in Wiesbaden soll wohl weiter über „unterschiedlichen Modelle“ diskutiert werden. Vor dem Hintergrund eines komplizierten Rechtsgeschäfts zwischen Hausstiftung und Erbengemeinschaft (F.A.Z. vom 12. Oktober) könnte Prinz Donatus nicht nur einen schlichten Verkauf des Bildes erwägen, sondern an einer größeren Lösung interessiert sein, die die hohen Belastungen der Hausstiftung durch den Unterhalt ihrer Liegenschaften und die 2014 zu zahlende Erbersatzsteuer minimieren würde.

          In der Stiftung ist nicht nur der Kunstbesitz der beiden Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt zusammengefasst. Es zählen auch zum Beispiel das Museum Schloss Fasanerie bei Fulda, das Schlosshotel in Kronberg oder der „Hessische Hof“ in Frankfurt dazu, die in der Unterhaltung kostspielig und zum Teil, wie die Fasanerie, sanierungsbedürftig sind. Das Land könnte möglicherweise hier helfen, Belastungen zu reduzieren. Das deutet auch der Informationsstand im Landtag an: Zwei Fraktionssprecher reagierten auf die Frage nach der Holbein-Madonna mit der Gegenfrage: „Was für eine Madonna?“

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