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Hessischer Landtag : Hell, edel, aber eng ist der Plenarsaal

  • -Aktualisiert am

Tag der offenen Tür im hessischen Landtag in Wiesbaden: Der neue Plenarsaal, der Anfang April eingeweiht wurde, ist jetzt erstmals für die Bürger zu besichtigen Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Das neue Plenargebäude des Hessischen Landtags in Wiesbaden war am Freitag und Samstag zum ersten Mal für Besucher geöffnet und lockte rund 13 000 Neugierige in die Landeshauptstadt.

          Kinderlachen klingt gedämpft in den Plenarsaal hinein, in dem sonst meist ernsthaft über die Zukunft des Bundeslandes diskutiert wird. Doch heute beschäftigt die Anwesenden mehr die Größe und Gestaltung des Raumes mit seinen riesigen Glasfronten. Klaus Ohl ist Anwohner und hat sich in eine der langen Schlangen vor dem Eingang eingereiht. „Mein Büro ist direkt gegenüber, und wir haben fast vier Jahre lang den Baulärm ertragen“, berichtet er. „Jetzt will ich endlich auch mal hinein und mir anschauen, was hier so gemacht wurde.“ Geduldig wartet er, bis er in einer Besuchergruppe durch das ehemalige Stadtschloss der nassauischen Herzöge und den Neubau geleitet wird.

          In kleinen Gruppen besichtigen die Besucher die restaurierten Prunkzimmer aus dem frühen 19. Jahrhundert: den 980 Kilogramm schweren, mannshohen Kronleuchter aus böhmischem Glas und die pastellfarbenen Darstellungen römischer Tänzerinnen. „Ich bin hier noch nie gewesen, aber mir gefällt der Stil“, sagt Richard Peters. Er gehe öfter zu Tagen der offenen Tür. „Man sollte wissen, unter was für einer Regierung man lebt, auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist, was sie beschließt“, findet er.

          Ersatz für den fensterlosen Bau aus den sechziger Jahren

          Das Gebäude mit dem kreisrunden Plenarsaal, den hellen Ahornholzmöbeln und den gläsernen Seitenwänden ersetzt einen fensterlosen Bau aus den sechziger Jahren. Dort war Joseph Fischer vor mehr als 20 Jahren in Turnschuhen als Umweltminister vereidigt worden. Dort klagte so mancher Abgeordnete nach einem Tag ohne Tageslicht und frische Luft über Kopfschmerzen und Müdigkeit.

          In den neuen Plenarsaal blitzt die Sonne durch kleine, rechteckige Lichtluken, genannt Lichtpunkte. Große Fensterfronten ermöglichen den Blick der Parlamentarier nach außen – aber auch den der Anwohner nach innen. „Es gibt Sonnenschutzvorhänge, aber es ist nicht so, dass die Vorhänge zugezogen würden, wenn innen über wichtige Themen wie Studiengebühren abgestimmt wird“, sagt Pressesprecher Matthäus Friederich.

          Staunend legen die Besucher die Köpfe in den Nacken und beobachten das Wellenspiel, das die Sonnenschutzlamellen an der Decke auf dem gläsernen Geländer der Besuchertribüne hinterlassen. Zur Galerie hinauf führt eine Harfentreppe, deren vertikale Streben beim Betreten der Stufen leicht schwingen wie Saiten. Wie für alles im Plenargebäude gelte auch hier das Prinzip: einfach aber edel, sagt Architekt Felix Waechter nicht ohne Stolz.

          Koch: „Es ist zwar kuschelig eng geworden, aber sehr schön.“

          33,3 Millionen Euro kostete der Neubau bisher. Die endgültigen Kosten stehen erst fest, wenn gerichtlich geklärt ist, wer weitere 7,55 Millionen Euro zahlen muss, die durch einen Wasserschaden im Juli 2006 entstanden. Seit dem 5. April tagt der Landtag im neuen Plenarsaal.

          Während der Bauzeit musste die Regierung in das Neue Rathaus auf der anderen Seite des Schlossplatzes umziehen. Keine sehr angenehme Zeit für die Betroffenen: „Ich war in der Zeit etwa zwei bis drei Mal im Monat in Wiesbaden“, erinnert sich Aylin Fischer, Wahlkampfreferentin im Büro der Abgeordneten Nancy Faeser (SPD). „Und dann war es durch die Umbauarbeiten meistens sehr laut.“ In der drei Jahre währenden Bauphase sei ihr Büro vier Mal umgezogen. Aylin Fischer ist mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen gekommen. Der siebenjährige Yannick hofft darauf, ins Fernsehen zu kommen. Und falls das nichts wird? „Dann sehe ich wenigstens mal, wo die Mama arbeitet.“

          Auch Ministerpräsident Roland Koch (CDU) erscheint zur Besichtigungstour. „Es ist zwar kuschelig eng geworden, aber sehr schön“, findet er. Es sei ein gutes Gefühl, nach der langen Zeit der Provisorien im neuen Plenarsaal zu tagen. Auch einigen Besuchern fällt auf, dass der neue Plenarsaal kleiner und kompakter ist als sein Vorgänger mit den dunklen Möbeln und der frontalen Sitzordnung. „Der Raum erscheint mir sehr eng, im Fernsehen sieht das immer viel größer aus“, sagt Petra Walkenbach. Doch die meisten Besucher sind begeistert, wie Brigitte Bader aus Frankfurt, die sich vor dem Rednerpult fotografieren lässt. „So eine Chance bekomme ich nicht so schnell wieder – das ist doch was fürs Fotoalbum“, sagt sie.

          Der hessische Löwe ist mickrig

          Für Irmtraud Riefke aus Taunusstein gibt es nur einen Wermutstropfen am neuen Plenarsaal: „Dass der hessische Löwe so mickrig ist.“ Das Wappentier auf einer Kalksteinwand musste einer transparenten Lackarbeit von Vollrad Kutscher weichen, die in der Holzwand aus hellem Ahorn aussieht wie eine Intarsie aus rot gebeiztem Furnier. Doch auch die ehemalige Rückwand des Plenarsaals steht noch: Sie ziert jetzt den Innenhof.

          Dort haben es sich die Gäste bei Bier und Eis bequem gemacht und nutzen die vereinzelten Sonnenstrahlen. Barfuß kraxelt die zehnjährige Nina Etz die Kletterwand nach oben, lässt sich nach unten rutschen und beginnt von vorne. „Ich bin wegen beidem gekommen“, berichtet sie atemlos. „Wegen des neuen Plenarsaals und wegen der Kinderspiele.“

          Auch die fünfjährige Paula Luise Pfaff ist begeistert vom Kinderprogramm. Sie ist gerade auf dem Weg zum Schminken. Wie sie sich anmalen lässt? „Als Löwe natürlich“, sagt sie und lacht. „Als hessischer Löwe.“

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