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Hessische Bildungspolitik : Mehr Unterricht jenseits der Schulen

  • -Aktualisiert am

Die Luft ist raus: Der große Streit um die hessische Schulpolitik ist vorbei, die Spannung ist verflogen. Bild: Waldner, Amadeus

Nach dem Willen des hessischen Kultusministers Alexander Lorz (CDU) sollen Jugendliche stärker von Zeitzeugen und dem Besuch von Museen und Gedenkstätten lernen.

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          Angesichts der Vielzahl von Gedenktagen in diesem und im nächsten Jahr hat Kultusminister Alexander Lorz (CDU) an die Schulen appelliert, der „Erinnerungskultur“ – dem Besuch von Museen, Mahn- und Gedenkstätten und Gesprächen mit Zeitzeugen – einen höheren Stellenwert einzuräumen. „Wie lässt es sich verhindern, dass Auschwitz und der Archipel Gulag jemals wiederkehren?“, fragte er am Dienstag im Landtag.

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seiner Ansicht nach müssten dazu Lernorte außerhalb der Schule stärker in den Unterricht integriert werden. „Lernen an Orten des Gedenkens und des Erinnerns ist eine besondere Form von Lernen“, von der gerade auch Jugendliche profitieren könnten, die nicht primär in Deutschland sozialisiert worden seien, sagte Lorz. Zur Berechtigung von Geschichte als eigenständigem Schulfach – von manchem in Zweifel gezogen – bekenne er sich „mit Nachdruck“.

          Inklusion als große Herausforderung

          Große Hoffnungen setzt der Minister in den von ihm initiierten Bildungsgipfel. „Etwas Vergleichbares hat es in unserem Land bisher nicht gegeben“, sagte Lorz in einer Regierungserklärung. Ziel der auf ein Jahr angelegten Veranstaltung von „Entscheidungsträgern“ der Bildungspolitik seien Verlässlichkeit, Planungssicherheit und Kontinuität für Lehrer, Eltern und Schüler über Wahltermine hinaus. Dazu bedürfe es einer überparteilichen Einigung auf grundsätzliche Leitlinien zu Organisation und Inhalt von Schule. Es sei einzigartig, so Lorz, dass in Hessen „die demographische Rendite im System bleibt“, dass es also trotz sinkender Schülerzahlen keinen Personalabbau bei den Pädagogen gebe. Die weitreichende Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 sei „schon heute eine Erfolgsgeschichte“, nun gelte es, ein ausgewogenes regionales Angebot für beide Formen der gymnasialen Bildungsgänge zu schaffen.

          Die Inklusion behinderter Kinder in den Regelunterricht bleibe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sei aber auch eine große Herausforderung. Die Stellenzahl für Förderschullehrer zur Unterstützung der allgemeinen Schule wurde nach Angaben des Ministers mit dem neuen Schuljahr um mehr als 100 auf fast 1800 erhöht. Aber auch Förderschulen sollten ein attraktives Bildungsangebot bleiben. Die Förderschule sei mit ihren spezifischen Angeboten und den Fähigkeiten der Lehrkräfte für viele behinderte Schüler am besten geeignet.

          Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 vielerorts nicht vorhanden

          Der bildungspolitische Sprecher der SPD, Christoph Degen, äußerte sich skeptisch zu den Erfolgsaussichten des Bildungsgipfels. Wenn es dem Kultusminister nur darum gehen sollte, den Kurs der schwarz-grünen Koalition zu legitimieren, könne er nicht auf die Unterstützung der Sozialdemokraten zählen, sagte Degen. „Dann ohne uns.“ Sollte das Angebot für einen „Schulfrieden“ ernst gemeint sein, müssten CDU und Grüne auch im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziele wie die Nullrunde für Beamte in Frage stellen und Voraussetzungen für deutlich mehr echte Ganztagsschulen und für zusätzliche G9-Angebote schaffen. Die vom Minister gepriesene Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 sei in vielen Regionen Hessens derzeit noch ein „Mythos“.

          Barbara Cárdenas (Die Linke) nannte es „Augenwischerei“, wenn die Regierung die Opposition einerseits zur Zusammenarbeit aufrufe, andererseits aber keinen Zweifel daran lasse, dass sie an ihren im Koalitionsvertrag vereinbarten Zielvorgaben festhalte. Der FDP-Abgeordnete Wolfgang Greilich sprach von einem weiten Weg zum Schulfrieden, weil die Regierung mit ihrer Rückkehroption für laufende Jahrgänge zu G9 Unmut, Verwirrung und Frustration in die Schulen getragen habe, weil die hohen Erwartungen vieler Eltern nicht erfüllt worden seien. Greilich appellierte an die Regierung, es nicht zuzulassen, dass an hessischen Schulen weiterhin Schüler für den „Heiligen Krieg“ radikalisiert würden. Gerade in den Schulen müsse sich die Demokratie als wehrhaft erweisen.

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