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Hessische Abgeordnete : „Aufhören, bevor man darum gebeten wird“

  • -Aktualisiert am

Egal wie die Wahl am Sonntag ausgehen wird: acht hessische Abgeordnete werden mit Sicherheit nicht mehr im Bundestag sitzen. Bild: DDP

Acht hessische Abgeordnete scheiden aus freien Stücken aus dem Bundestag aus. Der CDU-Mann Lippold war immerhin 26 Jahre lang Parlamentarier in Bonn und Berlin.

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          Wahlen schlagen Wunden: Der morgige Tag wird für viele Bundestagsabgeordnete das unfreiwillige, Ende ihrer beruflichen Karriere bedeuten. Manche nehmen aber auch aus freien Stücken Abschied von der Politik. Acht Parlamentarier aus Hessen werden dem nächsten Bundesparlament nicht angehören: weil sie jüngeren Platz machen müssen oder wollen oder weil sie sich noch zu jung fühlen, um Politik zu ihrem alleinigen Lebensinhalt zu machen.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hans Eichel ist der wohl Bekannteste der Abschiednehmenden. „Man soll aufhören bevor die Leute anfangen zu fragen, wann man gehen will“, meint der Siebenundsechzigjährige. Von 1999 bis 2005 war der Sozialdemokrat Finanzminister in der rot-grünen Bundesregierung und machte sich als „eiserner Hans“ einen Namen als sparsamer Haushälter. Als Oberbürgermeister von Kassel (1975 bis 1991) hatte Eichel erste Erfahrungen mit einem rot-grünen Bündnis gesammelt, die folgenden acht Jahre amtierte er als Ministerpräsident einer solchen Koalition in Hessen. 2002 zog er in den Bundestag ein und war zuletzt Mitglied im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union. Auch künftig werde er zu politischen Themen Stellung nehmen, kündigt Eichel an, „aber eher kommentierend“.


          „Unglaublicher Vertrauensverlust“

          So wie in seiner Abschiedsrede im Parlament Anfang Juli: Da beklagte der Kasselaner und Oldtimer-Fan den „unglaublichen Vertrauensverlust“, den die Politiker aus eigenem Verschulden erlitten hätten, und legte den Abgeordneten ans Herz, den „sozialen Zusammenhalt in diesem Lande“ nicht aufs Spiel zu setzen. An Ruhestand denkt Eichel noch nicht, schließlich sei er, als Nachfolger von Theo Waigel, Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing.

          Mit gemischten Gefühlen blickt Klaus Lippold einem Leben ohne Bundestagsmandat entgegen. Der 66 Jahre alte Dietzenbacher ist einer der dienstältesten Abgeordneten, und er räumt ein, dass ihm der Abschied nach 26 Jahren im Parlament nicht ganz leicht falle. Deshalb werde er, der auch Geschäftsführer der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände ist, weiter für die Wirtschaft tätig sein. In Berlin war Lippold von 2000 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion und machte sich vor allem als Verkehrsexperte einen Namen. Seit 2005 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

          Frauenärztin statt Abgeordnete

          Ebenfalls aus Altersgründen verzichtet Gerald Weiß auf eine Rückkehr nach Berlin. Mit dem Rüsselsheimer verliert der Sozialflügel der Union einen seiner herausragenden Vertreter. Als Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Fraktion ist der Vierundsechzigjährige einer der Hauptverantwortlichen für eine Entwicklung, die von der FDP als die „Sozialdemokratisierung“ der Union angeprangert wird. Weiß warnt seine Partei vor der Aufweichung des Kündigungsschutzes, kämpft für ein verlängertes Arbeitslosengeld auch für unter Fünfzigjährige und hält branchenbezogene Mindestlöhne nicht für Teufelswerk. Ganz ins Privatleben wird sich Weiß, der den Wahlkreis Groß-Gerau seit 1998 vertrat, nicht zurückziehen: Er übernimmt das Ehrenamt des Bundesbeauftragten für die Sozialversicherungswahlen.

          Nicht ganz so lange wie Weiß hat es die Sozialdemokratin Erika Ober im Bundestag gehalten. Die 58 Jahre alte Gynäkologin aus Michelstadt im Odenwald zog 2002 zum ersten Mal ins Berliner Parlament ein, drei Jahre später fehlten ihr 79 Stimmen um abermals das Wahlkreismandat zu erringen, und auch die Plazierung auf der SPD-Landesliste reichte damals nicht für den Wiedereinzug in den Bundestag. Erst im Mai dieses Jahres kehrte sie als Nachrückerin für einen Ausscheidenden in die Reihen der Abgeordneten zurück. Doch die Rückkehr soll ein Intermezzo bleiben: Ober wird wieder als Frauenärztin arbeiten.

          Nicht ganz freiwillig

          Anna Lührmann war bei ihrem Einzug im Jahr 2002 die jüngste jemals in den Bundestag gewählte Abgeordnete. Gerade einmal 19 Jahre zählte die Grünen-Politikerin damals, und wenn sie sich jetzt, sieben Jahre später, aus dem Parlament verabschiedet, gehört sie immer noch zu den jüngsten der 612 Abgeordneten. Sie wolle nicht zur Berufspolitikerin werden, sagt die Hofheimerin, wenn sie nach dem Grund für ihren freiwilligen Rückzug gefragt wird. Deshalb habe sie schon 2002 angekündigt, dass sie nach zwei Legislaturperioden aufhören werde. Künftig lebt sie mit ihrem Mann Rainer Eberle und ihrer ein Jahr alten Tochter Lara im Sudan, wo Eberle als deutscher Botschafter arbeitet. Engagieren will Lührmann sich auch in Afrika – gegen Hunger und Kriegsfolgen in dem von einer Militärdiktatur regierten Land, und eine Rückkehr in die deutsche Politik schließt sie dezidiert nicht aus.

          Nicht ganz freiwillig kehrt Helga Lopez nach vier Jahren dem Bundestag den Rücken. Die 57 Jahre alte Sozialdemokratin wurde im Herbst 2008 wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt, und nicht zuletzt deshalb verzichtete die Familien- und Sozialpolitikerin auf eine abermalige Kandidatur im Lahn-Dill-Kreis, den sie im Jahr 2005 mit 42,2 Prozent der Erststimmen gewonnen hatte.

          Die beiden nordhessischen SPD-Abgeordneten Gerd Höfer (Schwalm-Eder-Kreis) und Alfred Hartenbach (Waldeck-Frankenberg) gewannen ihre Wahlkreise jeweils viermal in Folge und gehören dem Bundestag seit 1994 an. Der 66 Jahre alte Höfer war Mitglied im Verteidigungsausschuss, sein gleichaltriger Fraktionskollege Hartenbach ist seit dem Jahr 2002 parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Auf eine fünfte Runde verzichten beide aus Altersgründen.

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