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Hessen-SPD : Und sagte kein einziges Mal Steinmeier

Justizministerin Zypries (SPD) steht am Montagabend in der Bildhauerwerkstatt Gallus in Frankfurt Rede und Antwort Bild: Tobias Schmitt

Brigitte Zypries ist beim Sturz Kurt Becks am Sonntag dabei gewesen. Doch tags darauf schweigt sich die führende SPD-Politikerin bei einem Besuch in Frankfurt ebenso über das SPD-Beben wie der lokale Bundestagsabgeordnete Gregor Amann.

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          Brigitte Zypries ist beim Sturz Kurt Becks am Sonntag dabei gewesen. Als Bundesministerin der Justiz zählte sie zu den führenden SPD-Politikern, die in Werder bei Potsdam das innerparteiliche Erdbeben erleben mussten oder - wie im Falle von Zypries - erleben durften. Denn die Darmstädter Bundestagsabgeordnete im Ministerrang ist, darüber besteht kein Zweifel, froh, dass nicht der rheinland-pfälzische Ministerpräsident, sondern der Bundesaußenminister als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf ziehen wird. Schließlich hat Zypries den Genossen Steinmeier einst in die Politik gelotst.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Montag Abend in der Bildungswerkstatt Gallus an der Gutleutstraße hätte Zypries diese Geschichte erzählen können. Wie sie und Frank-Walter in Gießen Jura studierten. Wie sie, schon als Staatssekretärin in Gerhard Schröders niedersächsischer Landesregierung politisch fest verankert, dem Chef, als dieser einen Pressereferenten suchte, den einstigen Kommilitonen mit den Worten empfahl: „Der kann alles.“ Zypries hätte gewiss auch aus dem Nähkästchen plaudern können: Was für ein Organisationsgenie Steinmeier sei, welch strategisches Talent er besitze, welch großer Fleiß ihn auszeichne. Wahrscheinlich hätte die Ministerin auch ein paar Details nennen können, wie Steinmeier am Wochenende Beck ausgetrickst und die politische Initiative an sich gerissen hat. Hätte, hätte, hätte.

          Kein einziges Wort über den denkwürdigen Sonntag

          Brigitte Zypries hat aber nicht. Am Tage nach dem Machtwechsel in der SPD, der die Basis überrascht und manchen linken Strippenzieher im Dienste von Rot-Rot-Grün erschreckt hat, verlor die Ministerin in der Bildungswerkstatt kein einziges Wort über diesen denkwürdigen Sonntag. Sie ging einfach nach Tagesordnung vor. Und deren Überschrift lautete nicht: „Frank-Walter und Münte“, sondern „Freiheit und Sicherheit“.

          Der SPD-Bundestagsabgeordnete Gregor Amann, der zu dieser Veranstaltung geladen hatte, ist nicht in Werder dabei gewesen. Er ist nicht Minister und auch kein SPD-Spitzenpolitiker. Aber er zählt nach besagtem Sonntag zu den Siegern, denn er ist ein Mann Steinmeiers, ein Anhänger der Schröderschen Reformpolitik, zumindest im Großen und Ganzen. Doch auch Amann hat gestern Abend kein Wort über die Machtverschiebung in der SPD verloren. Er stellt lediglich nach anderthalb Stunden Diskussion über Datenmissbrauch, Online-Durchsuchungen oder Bundeswehreinsatz im Innern mit Erstaunen fest, dass das Publikum keine einzige „Personenfrage“ gestellt habe.

          Was die Zuhörer als nicht wissen wollten

          In der Tat: Die vierzig Zuhörer in der Halle wollten von Zypries, die doch aus dem Auge des Hurrikans gekommen war, nichts über den Wirbel an der Parteispitze wissen. Nicht, ob Frank-Walter Steinmeier der richtige Kandidat sei; nicht, ob seine Kandidatur die SPD spalte; nicht, ob er in Hessen eine Zusammenarbeit mit der Lafontaine-Truppe „Die Linke“ verhindere.

          Beim Besuch von Zypries ist dieses Thema totgeschwiegen worden. Nicht jedoch bei der Sondersitzung des Vorstands der südhessischen SPD in der Frankfurter Parteizentrale gestern Abend. Dort wurden alle diese Fragen diskutiert. Aber nicht öffentlich.

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