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Hessen : Schuljahr beginnt mit Lob und Kritik

Drei von 635.000 in Hessen, für die am diesem Montag wieder die Schule beginnt Bild: dpa

In Hessen beginnt für die meisten Schüler am diesem Montag der Unterricht. Die Erstklässler werden am Dienstag eingeschult. Derweil streiten Politiker, Gewerkschafter und Pädagogen um die Frage: Gibt es wegen Geldmangels zu wenige Ganztagsschulen?

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          Das war’s, für diesen Sommer jedenfalls: Für rund 635.000 Kinder und Jugendliche an allgemeinbildenden Schulen fängt nach sechs Wochen Sommerferien heute wieder der Unterricht an, 54.000 Erstklässler werden morgen eingeschult. Der Papierform nach beginnt das Schuljahr nicht schlechter als frühere und in Teilen vielleicht auch besser: Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hatte am vergangenen Donnerstag gemeldet, dass 99,6 Prozent des Unterrichts abgedeckt werden könnten und in ganz Hessen derzeit lediglich 43 Lehrerstellen unbesetzt seien. Zum Vergleich: 2004 hatte die damalige Kultusministerin Karin Wolff (CDU) von 48 unbesetzten Stellen zum Schuljahresbeginn gesprochen.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Henzler zeigte sich rundum zufrieden mit der Arbeit ihres Hauses in den zurückliegenden Wochen und nannte sie eine „Herkulesleistung“. Kritik wird indes ebenfalls laut. Sowohl die SPD als auch Lehrer- und Unternehmerverbände monieren schleppende Fortschritte bei den Ganztagsschulen und fehlende Konzepte vor allem für die Grundschulen.

          Sternchen-Regelung abgeschafft

          „Ohne Wenn und Aber eine gute Sache“ sei die Entscheidung der Ministerin, die sogenannte Sternchen-Regelung abgeschafft zu haben, die in Ausnahmen Überschreitungen der Klassengrößen um bis zu drei Schüler ermöglichte, sagt der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Helmut Deckert. Eingangsklassen in Grundschulen und weiterführenden Schulen sowie in der Mittelstufe dürfen künftig nicht mehr als 25 Schüler haben. „Das ist politisch eigentlich unumkehrbar“, sagt Deckert. Engelbert Jennewein, Referent für die Grundschulen bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), nennt die neue Größen-Festlegung „den Einstieg in die grundsätzliche Verkleinerung“, worüber alle Beteiligten froh seien. Nicht zufrieden sein könnten die Grundschulen mit den Fortschritten bei Ganztagsangeboten.

          Zuletzt hat nach Angaben des Kultusministeriums rund ein Viertel der Schulen in Hessen Kindern und Jugendlichen Ganztagsangebote gemacht. Für das heute beginnende Schuljahr haben zusätzlich 121 Schulen Geld für neue Projekte bekommen und 64 Schulen Mittel für den Ausbau vorhandener. Diese neuen Leistungen des Landes bezifferte das Ministerium mit 105 zusätzlichen Lehrerstellen und dem finanziellen Gegenwert weiterer 65 Stellen. Henzler hatte außerdem gesagt, dass der „bedarfsgerechte Ausbau der Ganztagsschulen“ eine der wichtigsten Aufgaben der Schulpolitik sei. Unter den 64 Schulen mit bereits bestehendem Angebot über die Mittagszeit hinaus ist nur eine sogenannte gebundene Ganztagsschule, bei der die Anwesenheit in den späten Nachmittag hinein für Schüler und Lehrer verpflichtend ist.

          Zankapfel pädagogische Mittagsbetreuung

          Jennewein beklagt in diesem Zusammenhang, was schon die bildungspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Heike Habermann, der Kultusministerin vorgeworfen hatte: Zu stark werde der Ausbau der pädagogischen Mittagsbetreuung an Schulen gefördert, also das in weiten Teilen schulfremde und auch freiwillige Nachmittags-Angebot. Zahlreiche Anträge von Schulen auf Umwandlung in gebundene Ganztagsschulen – was mit einer Aufstockung des Stellenplans einhergeht – würden dagegen abgelehnt.

          „Die Ministerin hat natürlich ein Geldproblem“, meint Jennewein und verweist auf die „lange Warteliste von Grundschulen, die Ganztagsschule werden wollen“. Anders als noch vor wenigen Jahren, als viele Lehrer noch verpflichtenden Nachmittagsunterricht abgelehnt hätten, sei heute die überwiegende Zahl der am System Schule Beteiligten der Ansicht, „dass Bildungsgerechtigkeit nur in einer Ganztagsschule zu erreichen ist“, in der alle ihren Tag gemeinsam verbrächten und diese gemeinsame Zeit den Lebensschwerpunkt bilde.

          Der Biorhythmus der Kinder

          „Man kann dann ganz anders auf den Biorhythmus der Kinder eingehen, den Tag rhythmisieren und zum Beispiel musische und sportliche Aktivitäten auf den Nachmittag legen“, sagt Jennewein. Es sei auch ein Unterschied, ob einer an einem Angebot teilnehmen könne oder es eben müsse.

          Helmut Deckert sagt, dass es auch unter den weiterführenden Schulen weitaus mehr mit Ganztageswunsch gebe als Geld für die Verwirklichung vorhanden sei, „und mit Sicherheit keinen Widerstand der Lehrerverbände“ gegen die Ganztagsschule. Gegen die pädagogische Mittagsbetreuung sei vor allem einzuwenden, was schon im Wort stecke: „Das ist eine besonders hochwertige Form der Betreuung, aber keine Ganztagsschule.“ Dass deren Ausbau langsamer vorankomme als wünschenswert sei, liegt nach Ansicht Deckerts daran, dass „vor allem die Gymnasien mit Stellen bedacht wurden“, um die Folgen der Schulzeitverkürzung abzumildern.

          Lob für Leistung der Behörden

          „Grundsätzlich positiv“ bewertet der Verband der Oberstudiendirektoren die Lage zum Schuljahresbeginn. Der Vorsitzende des Bezirksverbands Frankfurt, Werner Kexel, hebt hervor, dass die Lehrerversorgung trotz schwieriger Lage auf dem Lehrerarbeitsmarkt besser als in den Vorjahren sei. Zu loben seien in diesem Zusammenhang nicht nur die Leistungen der Behörden, sondern auch die der Schulen, die sich selbst um die Personalgewinnung gekümmert hatten. Kexel fordert ebenfalls „eine intensive und konsequente Fortsetzung“ des Ausbaus von Ganztagsschulen, wozu „strukturelle Veränderungen notwendig“ seien.

          Offenbar noch immer ungeklärt ist, ob und wie die im Rahmen des Programms „Erfahrung hat Zukunft“ an den Schulen beschäftigten Personen jetzt eingesetzt werden können. Es geht dabei um ehemalige Arbeitslose über 50, die zum Beispiel in Schulbibliotheken tätig sind. Nach Auslaufen der Bund-Länder-Initiative sollen etliche weiterbeschäftigt werden. Dass dazu die Rechtsgrundlage noch fehle, hatten die Schulen vor Ferienbeginn beklagt. Eine Verordnung war für Anfang August angekündigt worden, „aber bisher gibt es sie nicht“, kritisiert Deckert. Deshalb hätten die Betroffenen noch nicht eingestellt werden können – und seien vorerst wieder arbeitslos.Jacqueline Vogt

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