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Hessen : Onkologiekonzept soll Krebsbehandlung verbessern

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In Hessen könnte es fortan sechs Zentren für die Krebstherapie geben Bild: AP

Wer an Krebs erkrankt, läuft leicht Gefahr, von Pontius zu Pilatus geschickt zu werden. Selbst innerhalb eines Krankenhauses klappt die Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachärzten nicht immer, wie Experten sagen. Ein Onkologiekonzept soll das in Hessen ändern.

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          Wer an Krebs erkrankt, läuft leicht Gefahr, von Pontius zu Pilatus geschickt zu werden. Der Internist untersucht die befallenen Organe, der Chirurg leitet die Operation, der Onkologe überwacht die Chemotherapie, der Radiologe die Bestrahlung. „Selbst innerhalb eines Krankenhauses klappt die Kommunikation nicht immer“, gibt der Frankfurter Onkologe Professor Claus Rödel zu. Noch schlechter funktioniert die Betreuung, wenn mehrere Kliniken beteiligt sind. Aber das soll sich ändern: Noch in diesem Monat soll ein neues „Hessisches Onkologiekonzept“ die zerfaserte Landschaft ordnen.

          Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums soll der Landeskrankenhausausschuss die Überarbeitung des aus achtziger Jahren stammenden Vorgängerkonzepts am 28. Februar beschließen. In diesem Gremium sitzen Vertreter der Krankenhäuser, der Ärzte, der Kassen und der Kommunen. Hessen könnte dem Konzept zufolge in sechs Versorgungsgebiete mit je einem onkologische Zentrum aufgeteilt werden. Diese Zentren müssen bestimmte Qualitätsstandards erfüllen. „Das entscheidende ist, dass sie in der Lage sind, fachübergreifende Tumorkonferenzen durchzuführen“, erklärt Ministeriumssprecher Franz-Josef Gemein.

          Akutkrankenhäuser sollen mit Tumorzentren kooperieren

          In diesen Konferenzen sollen Experten aus verschiedenen Fachbereichen neue Patienten begutachten und gemeinsam entscheiden, wie am besten vorzugehen ist. Bisher bleibe es leider allzu oft dem Zufall überlassen, wer welche Behandlung bekommt - je nachdem, welcher Experte den Patienten zuerst in die Finger bekomme, sagt Professor Rödel und zitiert eine Studie aus dem „New England Journal of Medicine“ von 2004: Krebswucherungen im Darm konnten erfolgreicher behandelt werden, nachdem sie zuerst mit Chemotherapie und Bestrahlung verkleinert wurden, bevor der Patient unters Messer kam.

          Ziel des Konzepts sei es keinesfalls, qualifizierte kleinere Krankenhäuser aus der Versorgung herauszudrängen, betont der Sprecher der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG), Hans Ditzel. 96 der 141 hessischen Akutkrankenhäuser behandeln laut HKG auch Tumorpatienten. Sie sollen künftig als Kooperationspartner enger mit den großen Tumorzentren zusammenarbeiten und damit besser von deren Know-how profitieren. „So sichern wir die Qualität auch der kleinen Krankenhäuser“, heißt es im Ministerium.

          Welche sechs Kliniken in Hessen den Zuschlag bekommen, wird in diesem Monat noch nicht entschieden. Das müssten die einzelnen Versorgungsgebiete zunächst unter sich ausmachen, heißt es in Wiesbaden. In Frankfurt bewirbt sich die Uniklinik als Onkologiezentrum für das Rhein-Main-Gebiet. Am Theodor-Stern-Kai wird bereits kräftig umstrukturiert. Wichtigstes Ziel: Die Zusammenarbeit zu verbessern. Natürlich brauche man auch weiterhin Fachleute, sagt der Direktor der medizinischen Klinik II, Professor Hubert Serve, „aber es gibt auch Aufgaben, die gemeinsam gelöst werden müssen“.

          „Das Konzept wird zusätzliche Kosten verursachen“

          Eine ganze Reihe solcher „Querschnittsfunktionen“ würden gerade aufgebaut: Eine Ambulanz für komplexe Krankheitsbilder - dorthin können Ärzte jene Patienten überweisen, von denen sie nicht wissen, zu welchem Spezialisten sie sie schicken sollen. Auch eine psychologische Beratungsstelle, ein hausinternes Krebsregister und eine Tagesklinik sollen für alle Stationen gemeinsam zur Verfügung stehen. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. „Das Konzept wird zusätzliche Kosten verursachen“, gibt Hans-Joachim Conrad zu bedenken, kaufmännischer Direktor der Universitätsklinik. Auf die Frage, wer dafür aufkommt, habe er bisher weder von der Politik noch von der Hessischen Krankenhausgesellschaft eine Antwort bekommen.

          Der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Johannes Bruns, ist skeptisch, ob solche Schreibtisch-Konzepte tatsächlich die Versorgung verbessern. Statt viele Krankenhäuser alles machen zu lassen, sollten die Erfahrung besser an wenigen thematischen Zentren gebündelt werden. Sinnvoll seien Hautkrebs-, Darmkrebs-, Brustkrebszentren - und keine regionalen Alleskönner. Statt einzelne Landesplanungen der Bundesländer fände Bruns es sinnvoller, wenn es „ein bundesweit abgestimmtes Konzept zum Beispiel der Gesundheitsministerkonferenz“ gäbe.

          Das hessische Krebsregister kommt nur schleppend voran. Als eines der letzten Bundesländer hatte Hessen 2007 mit dem Aufbau einer landesweiten Datenbank begonnen, in der möglichst alle Krebsfälle erfasst werden sollen. Die behandelnden Ärzte melden ihre Daten einer Vertrauensstelle bei der Landesärztekammer. Diese gibt sie in anonymisierter Form weiter an das Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen in Dillenburg. Bis „stabile Daten“ für ganz Hessen vorlägen, werde es noch „noch mehrere Jahre“ dauern, sagte Stefan Gawrich, der in Dillenburg für das Krebsregister zuständig ist.

          Für Südhessen könnten belastbare Daten schon früher vorliegen. Dort habe das Regierungspräsidium Darmstadt bereits 2003 begonnen, Krebsdaten zu sammeln. Gawrich geht davon aus, dass für Südhessen Ende 2008 Ergebnisse für das Jahr 2006 vorliegen könnten. Aus Nord- und Mittelhessen lägen bisher keine Daten vor, dort sei das Krebsregister noch im Aufbau begriffen. „Bis es überhaupt mal läuft, dauert es zwei bis drei Jahre.“ Erschwert werde die Erstellung des Registers unter anderem dadurch, dass Ärzte die Daten „erst mit einer gewissen Zeitverzögerung melden“. Außerdem würden manche Patienten, außerhalb Hessens betreut.

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