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Hessen : Mist und Mist ergibt zuweilen ein Projekt

Keine Berührungsängste gegenüber Liberalen: Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) Bild: F.A.Z. - Cornelia Sick

Im Landtag haben sich FDP und SPD endlich gefunden – vor der Kamera. Auf „Youtube“ ist das erste von demnächst weiteren Video-Werken der beiden Koalitionäre zu bewundern.

          Und sie bewegt sich doch. Die FDP in diesem Fall. Fünf Monate nach der Landtagswahl in Hessen haben sich „Liberal“ und „Sozial“ gefunden, in einer gelb-roten Video-Koalition. Was sich die SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti vergeblich erträumt hat – ein Tête-à-tête mit dem FDP-Vormann Jörg-Uwe Hahn zur Anknüpfung intimerer politischer Beziehung zum Zwecke einer stabilen Parteienehe –, das haben jetzt die zwei Nachwuchspolitiker Florian Rentsch von der FDP und Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD en passant erreicht. Eine Koalition vor der Kamera nämlich, die auf Dauer angelegt ist, eine streitbare Koalition freilich, in der man sich wie in einer guten Lebensabschnittspartnerschaft über alles Wichtige fetzen kann (siehe: Link zu Youtube: Gespräch zum Thema Studiengebühren).

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Begegnet sind sich die beiden Abgeordneten, wie man ihrem Koalitionsvideo entnehmen kann, auf den Fluren des Landtags. Dynamisch hatte sich der junge Rentsch zum Kaffeeautomaten begeben, und da ist es offenbar geschehen. Wer von den zwei Landtagsabgeordneten die Initiative ergriffen hat, wer genau was gesagt hat, bleibt den Spekulationen des Millionenpublikums überlassen, das auf „Youtube“ das erste und demnächst weitere gemeinsame Video-Werke der beiden Koalitionäre bewundern wird.

          Der Ton macht die Musik

          Vielleicht hat der in diesem Augenblick zufällig auf diesem Flur vor sich hin philosophierende Sozialdemokrat Schäfer-Gümbel an seinen früheren Parteichef Müntefering gedacht und vor sich hingemurmelt: „Opposition ist Mist.“ Vielleicht hat der Liberale Rentsch diesen Satz aufgeschnappt und gesagt: „Ja, Thorsten“ – die beiden duzen sich nämlich über alle politischen Differenzen hinweg –, „Opposition ist wirklich Mist.“ Worauf ihnen die Erleuchtung gekommen ist, dass Mist und Mist nicht in jedem Fall Bockmist ergibt, sondern in bestimmten Fällen ein politisches Projekt, in diesem Falle besagtes sozialliberales Video-Projekt.

          Florian Rentsch sitzt für die FDP im Landtag

          In der ersten Ausgabe sitzen sich Rentsch und Schäfer-Gümbel an einem kleinen, runden Tisch an ihrem Lieblingsort, dem schon erwähnten Landtagsflur, gegenüber und diskutieren über Studiengebühren. Interessant ist dabei nicht das, was sie über das Thema sagen, denn sie tauschen nur altbekannte Positionen aus: Der Sozialdemokrat plädiert für unentgeltliche Bildung für alle, der Liberale für eine liberale Handhabe, jede Hochschule soll nach ihrer Fasson selig werden. Interessant ist vielmehr der Ton der Rede, denn der macht ja die Musik. Und dieser Ton klingt ganz vertraut koalitionär.

          Grüne turteln anderswo

          Ist das nun der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Aber nein, haben die beiden Abgeordneten versichert: „Sozialliberal steht nicht vor der Haustür.“ Außerdem bedarf es für eine Mehrheit im Landtag ja einer Ampel. Und die dafür notwendigen Grünen turteln anderswo herum: Deren Abgeordneter Matthias Wagner etwa tauscht mit dem CDU-Abgeordneten Peter Beuth E-Mails aus.

          Jedenfalls sollte Frau Ypsilanti, anstatt immer abfällig über die FDP zu reden, sich lieber einmal auf einem Landtagsflur herumtreiben. Irgendwann kommt mit Sicherheit der Liberalenchef Hahn vorbei. „Ist Opposition nicht Mist?“, könnte Frau Ypsilanti dann das Gespräch eröffnen. Der Rest wird sich finden.

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