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Abtreibungen in Hessen : Keine Zeit, keinen Partner, keine Nerven

Bild: F.A.Z.

In Hessen sinkt die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit 20 Jahren. Minderjährige Mädchen sind immer besser aufgeklärt, aber viele Frauen in den Dreißigern werden ungewollt schwanger.

          4 Min.

          Die Taschentücher liegen immer in Griffweite. Tränen gehören zum Arbeitsalltag von Claudia Hohmann. Sie arbeitet als Geschäftsführerin bei Pro Familia in Frankfurt. Zu ihr und ihren Kolleginnen kommen Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen. „So etwas geschieht niemals leichtfertig“, sagt Hohmann. Denn nach Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuches ist eine Abtreibung grundsätzlich gesetzwidrig – unter bestimmten Voraussetzungen aber trotzdem straffrei. Deshalb müssen die Frauen eine anerkannte Beratungsstelle wie Pro Familia aufsuchen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Hessen haben sich im vergangenen Jahr 7984 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Vor 20 Jahren waren es noch 10 391. Trotz der sinkenden Fallzahlen haben einige Beratungsstellen Alarm geschlagen. Denn im ersten Quartal 2017 ist die Zahl der Abtreibungen erstmals seit Jahren wieder leicht angestiegen – um 1,5 Prozent. Das Bistum Limburg reagierte prompt. Der Fonds für die im Bistum tätigen Caritas-Beratungsstellen wurde um 160 000 Euro aufgestockt. Zuvor war die Zahl der sogenannten Schwangerschaftskonfliktberatungen um zehn Prozent gestiegen. Von den 5240 Frauen, die 2016 bei den Caritas-Beratungsstellen im Bistum Limburg Rat suchten, hatten etwa 50 Prozent Migrationshintergrund, gut zehn Prozent davon waren Flüchtlinge.

          621 von ihnen älter als 30

          Eine Steigerung der Fallzahlen beobachten die Mitarbeiter der verschiedenen Beratungsstellen in Frankfurt nicht – andere Zahlen drängen in den Fokus. Denn die Mehrheit der Frauen, die sich 2016 in der Mainmetropole zu einer Abtreibung entschieden, war älter als 30 Jahre. Claudia Hohmann wundert das nicht. Als Sexualpädagogin arbeitet sie häufig mit Jugendlichen zusammen und weiß: „Die jungen Frauen haben große Angst vor einer Schwangerschaft. Sie passen extrem gut auf.“ Bei Älteren sei diese Angst nicht mehr so ausgeprägt. Manchmal komme sogar ein unterdrückter Kinderwunsch hinzu – selbst dann, wenn ein Kind gar nicht zur aktuellen Lebenssituation passe. In die Beratung von Pro Familia kamen im vergangenen Jahr 1540 Frauen, 621 von ihnen waren älter als 30 Jahre, 126 zwischen 15 und 19 Jahre.

          „Wir bilden die komplette Frankfurter Bevölkerung ab“, sagt Hohmann. Alleinerziehende, verheiratete, berufstätige, arbeitslose, finanziell gut gestellte und finanziell weniger gut gestellte Frauen – „die Gründe, sich gegen ein Kind zu entscheiden, sind vielfältig.“ Manche Frauen hätten die Familienplanung abgeschlossen, andere steckten mitten in der Ausbildung oder im Studium. Der unpassende Zeitpunkt, der unpassende Partner, die Angst vor Überforderung würden oft als Gründe genannt. Manchmal ist es laut Hohmann aber auch Geldnot, die hinter einer ungewollten Schwangerschaft steckt. Denn seit 2004 übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Verhütungsmittel für Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld-II-Empfängerinnen nicht mehr. „Dann sparen die Frauen eben daran“, weiß die Beraterin.

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          Wie viele Frauen mehrfach einen Abbruch vornehmen lassen, verrät die Statistik nicht – die Beratungsgespräche sind stets anonym. „Es kommt sicher vor. Für Frauen aus manchen Kulturkreisen ist Abtreibung eine Verhütungsmethode“, sagt Hohmann. Bei einem Abbruch ohne medizinische Notwendigkeit müssen die Patientinnen selbst für die Kosten aufkommen; zwischen 300 und 600 Euro werden, je nach Methode, veranschlagt.

          Drei gesetzlich anerkannte Beratungsstellen gibt es in Frankfurt: außer Pro Familia und dem Familien- und Gesundheitszentrum Frankfurt auch die Beratungsstelle des Diakonischen Werks. Dort arbeitet Karin Kühn. „Bis zu 80 Prozent der Frauen, die zu uns kommen, haben sich schon vor dem Gespräch für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.“

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