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Hessen : Leselücken auf dem Land

Bücherparadies: Die neue Frankfurter Zentralbibliothek ist vorbildlich – aber leider nicht typisch für Hessen. Bild: Nora Klein

Hessen hat inzwischen ein Bibliotheksgesetz, aber immer noch zu wenig Büchereien.

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          Hessen ist ein Bibliotheks-Paradies und eine Bibliotheks-Entwicklungsland zugleich. In Frankfurt wurde vor drei Jahren in der Innenstadt eine neue Zentralbibliothek eingerichtet, die alles bietet, was man von einer modernen Volksbücherei erwartet: Sie ist leicht zugänglich, hat vernünftige Öffnungszeiten, besitzt viele auch mit Computern ausgestattete Arbeitsplätze, stellt ihren Nutzern ein reichhaltiges Sortiment an Medien aller Art zur Verfügung und lädt mit ihren schön gestalteten Räumen zum Verweilen ein.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Darüber hinaus verfügt die Mainmetropole über mehrere attraktive Stadtteilbibliotheken und ein Netz von Schulbibliotheken, das für deutsche Verhältnisse erstaunlich ist. Dazu kommen die Bibliotheken der Universität und der Fachhochschule sowie die Deutsche Nationalbibliothek. Alles in allem ein Garten Eden für Leser und Bücherliebhaber.

          „Starkes Abfallen der hessischen Leistungen“

          Anders sieht es in Nordhessen aus. In Fritzlar etwa, mit seinen knapp 15.000 Einwohnern immerhin ein Mittelzentrum, sucht man vergeblich nach einer städtischen Bücherei. Solche bibliotheksfreien Kommunen sind die Ursache dafür, dass Hessen im Vergleich mit anderen Bundesländern bei der Versorgung mit Bibliotheken und Büchern auf einem der hinteren Plätze liegt.

          Der Platz am Tabellenende ist seit einem halben Jahrhundert traurige Tradition. Schon 1954 stellte Erich Großkopf, der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, in puncto Bibliotheken „ein starkes Abfallen der hessischen Leistungen“ fest. Knapp 30 Jahre später musste Kultusminister Hans Krollmann (SPD) zugeben, dass die bibliothekarische Grundversorgung in Hessen im Vergleich mit anderen Ländern „unzulänglich“ sei. Und wiederum ein Jahrzehnt später, 1991, klagte der SPD-Politiker Gerhard Bökel als Vorsitzender des hessischen Bibliotheksverbandes: „Die Ausstattung des Landes Hessen mit Bibliotheken ist ein Skandal.“ Trotz gewisser Verbesserungen sei die Situation ernüchternd geblieben, urteilt der CDU-Landtagsabgeordnete Aloys Lenz, ein unermüdlicher Streiter für die Verbesserung des hessischen Bibliothekswesens.

          Am Ende scheitert es oft am Geld

          Seit einem Monat ist Hessen indes vorn – jedenfalls gesetzgeberisch. Das Land liegt zwar nicht an der Spitze, aber immerhin im vorderen Feld. Denn der Landtag hat nach einem Anlauf von mehr als einem halben Jahrhundert endlich ein Bibliotheksgesetz beschlossen. Ein solches können bisher nur Thüringen und Sachsen-Anhalt vorweisen. Bibliotheken seien Dienstleister der modernen Wissensgesellschaft, heißt es in dem hessischen Gesetz. Für die wissenschaftlichen Bibliotheken seien das Land und seine Hochschulen verantwortlich, für die öffentlichen Bibliotheken und die Schulbibliotheken die Kommunen und Landkreise.

          Gerne hätten der Bibliotheksverband mit Lenz an der Spitze und andere Streiter für ein gutes Bibliothekswesen die Einrichtung von Büchereien per Gesetz zur Pflichtaufgabe erklärt. Der Plan ist am Geld gescheitert. Denn das Land kann nicht einfach die Gründung und den Unterhalt von öffentlichen Bibliotheken den Kommunen und Kreisen zur Pflicht machen und sie bei der Finanzierung allein lassen. Es gilt das Konnexitätsprinzip, das, einfach ausgedrückt, besagt: „Wer bestellt, bezahlt.“ Den Städten und Kreisen weitere teure Aufgaben aufzuerlegen, hat sich die Wiesbadener Regierung von CDU und FDP gehütet. Wegen des Verzichts auf eine Bibliothekspflicht stimmten Grüne und Linke gegen das Gesetz, während die oppositionelle SPD sich der Stimme enthielt.

          Nicht einfach nur Ausleihstationen

          Fritzlar muss also auch weiterhin keine Bibliothek einrichten. Vielleicht sehen sich die nordhessische Stadt sowie andere Kommunen und Kreise zur Gründung von Büchereien in der Lage, wenn das Land bei der Finanzierung hilft. Immerhin heißt es im Gesetz, dass ein regional ausgewogenes Bibliotheksnetz angestrebt werde. In Hessen müssen nach Meinung von Lenz 40 bis 50 neue Bibliotheken gegründet werden, um eine flächendeckende Versorgung mit Büchern und anderen Medien zu ermöglichen. Hierfür müsste ein dreistelliger Millionenbetrag investiert werden.

          Ob das Land und seine Kommunen einen solchen Kraftakt unternehmen werden, ist mehr als fraglich. Denn für Bibliotheken interessiert sich nur eine Minderheit unter den Politikern. Ob nun die frühere Wissenschaftsministerin Ruth Wagner (FDP), der einstige Oppositionsführer Gerhard Bökel (SPD) oder heute Aloys Lenz: Sie alle haben als Vorsitzende des hessischen Bibliotheksverbandes konstatieren müssen, dass, wie Lenz sagt, „im Spektrum der Landespolitik Bibliotheken zumeist als wenig beachtete Nischen gesehen werden“. Das konnte man zum Beispiel daran sehen, dass 2005 während der Sparaktion „Sichere Zukunft“ die Landesregierung bei der Staatlichen Büchereistelle in Darmstadt, die als Dienstleister der hessischen Bibliotheken fungiert, sechs von zehn Stellen strich.

          Das Bibliotheksgesetz sieht Lenz dennoch als einen Fortschritt an. Es erkenne die Bibliotheken als Bildungseinrichtungen an und werte die Arbeit der Bibliothekare auf. Bibliotheken, sagt der Abgeordnete, dürfen nicht einfach nur Ausleihstationen sein, sondern müssen Orte des Lernens und der Kommunikation werden. In der Frankfurter Zentralbibliothek kann man das Modell der Zukunft jeden Tag aufs neue in der Realität sehen. Hier machen Schüler Hausaufgaben, Studenten recherchieren für ihre Seminararbeiten, Rentner und Arbeitslose schmökern sich durch Romane und Sachbücher. Solche Lernräume mit fachkundigem Personal kann sich nicht nur eine reiche Großstadt wie Frankfurt leisten. Das Franziskaner-Gymnasium in Großkrotzenburg hält da mit und beschäftigt zwei hauptamtliche Bibliothekare.

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