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Hessen : Bundesfreiwilligendienst beginnt schleppend

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Der Zivildienstleistende geht: Seit dem 1. Juli sollen Freiwillige seine Aufgaben übernehmen. Die lassen allerdings noch auf sich warten. Bild: dapd

In Hessen gebe es 8245 „mögliche Plätze“ für „Bufdis“, sagt ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums. Bisher sind aber nur rund 3000 Verträge unterzeichnet – und zwar in ganz Deutschland.

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          Der Darmstädter Jugendherbergsvater Stefan Müller hat seit Freitag einen „Bufdi“. Die Chefin des Frankfurter Vereins Sozialdienst, Christina Saller, hat sogar drei „Bufdis“. So nennen sie selbst ihre neuen Mitarbeiter aber noch nicht. Der Name, den die Bundesfamilienministerin für die Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes vorgeschlagen hat, klingt ungewohnt. Doch Müller und Saller werden sich daran gewöhnen müssen: Die vertrauten „Zivis“ gibt es bald nicht mehr. Ihre Verträge sind schon ausgelaufen oder enden bald. Seit dem 1.Juli rücken nur noch die „Bufdis“ nach. Bloß nicht an jede Stelle, an der zuvor ein „Zivi“ war. Und das ist ein Problem für den Jugendherbergsvater und für die Sozialdienstchefin.

          Als im Herbst 2010 klar wurde, dass Wehrdienst und Zivildienst wohl bald bis auf weiteres ausgesetzt würden, wie es der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wollte, war auch klar: Ohne viele freiwillige Helfer geht es in den meisten sozialen Einrichtungen nicht. Daher dachte man sich im Bundesfamilienministerium den Bundesfreiwilligendienst aus. Er soll schon bestehende Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale und das Freiwillige Ökologische Jahr ergänzen, in der Regel ein Jahr dauern und Erwachsenen jeden Alters offenstehen. Das war den Planern wichtig, denn dass sich zu einem freiwilligen Dienst lange nicht so viele junge Menschen melden würden, wie zuvor zwangsweise gekommen waren, weil sie nicht zur Bundeswehr wollten, war absehbar.

          Und so kam es dann auch. In Hessen gebe es 8245 „mögliche Plätze“ für „Bufdis“, sagt ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums. Bisher sind aber nur rund 3000 Verträge unterzeichnet – und zwar in ganz Deutschland. Für Hessen hat der Sprecher keine Zahlen, man könne es aber herunterrechnen. Da Hessen rund sieben Prozent aller in Deutschland beschäftigten Zivildienstleistenden stellte und alle diese Stellen in „Bufdi“-Stellen umgewandelt wurden, kommt man so auf magere 215 neue Verträge. Mehr als 8000 Stellen sind also noch zu besetzen.

          Zwar waren auch zu Zivildienstzeiten nie alle vorhandenen Plätze besetzt, hebt der Ministeriumssprecher hervor. Doch dass das Programm „zögerlich anzulaufen scheint“, gibt er zu. Erfahrungsgemäß steige die Nachfrage nach den Sommerferien, sagt er, so sei es zumindest bei den Zivildienstleistenden gewesen. Viele Abiturienten wollten erst noch den Sommer genießen oder kämen erst nach einer Studienplatzabsage im Frühherbst auf die Idee, sich sozial zu engagieren. Auch die Werbung für das Programm habe noch nicht alle erreicht; erst als das neue Gesetz am 3. Mai in Kraft getreten sei, habe man mit der bundesweiten Kampagne beginnen können.

          Stefan Müller, der Leiter der Darmstädter Jugendherberge, musste selbst dafür sorgen, dass in seinem Haus die Umstellung möglichst reibungslos von statten geht – bis nach den Sommerferien zu warten, hätte er sich nicht leisten können. Als er die 136-Betten-Herberge vor zwei Jahren übernahm, waren dort noch zehn Zivildienstleistende tätig: Sie spülten Geschirr, bauten das Buffet auf, arbeiteten an der Rezeption und im Garten, putzten auch mal. Als klar war, dass er mit diesen Arbeitskräften nicht mehr lange rechnen konnte, „hatte ich ein Problem“, sagt Müller. Er plante, organisierte, erweiterte Arbeitsfelder und stellte auch ehemalige Zivildienstleistende auf 400-Euro-Stellen ein; nun hat er nur noch einen „Zivi“, dessen Dienstzeit bald endet, und seit Freitag einen „Bufdi“. Im September soll ein zweiter kommen.

          Müller zahlt ihnen 330 Euro, das ist die Höchstgrenze für das „Taschengeld“, das die Freiwilligen laut Gesetz für ihren Einsatz erhalten dürfen. Ein Monatsticket für den Bus legt er noch oben drauf. Auch Christina Saller, die Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins Sozialdienst in Frankfurt, zahlt ihren drei „Bufdis“, die alten Leuten im Alltag helfen, je 330 Euro, plus Monatsticket und Verpflegungsgeld. Von kürzlich noch zehn Zivildienstleistenden ist nur noch einer da; er hört Ende Juli auf. Um diese Lücke zu schließen, beschäftigt Saller jetzt erst einmal viele Schüler, die in den Ferien ehrenamtlich helfen. Dass neben der praktischen Hilfe auch die persönliche, gewachsene Beziehung der alten Menschen zu ihren Helfern eine Rolle spielt, weiß sie – und hofft deswegen, dass sich bald viel mehr Freiwillige melden.

          Dafür, dass das geschieht, soll auch Norbert Mauer sorgen. Er ist angestellt beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das als Nachfolgebehörde des Bundesamts für Zivildienst für die „Bufdis“ zuständig ist. Als Regionalbetreuer für Offenbach, Groß-Gerau und Teile von Frankfurt und Darmstadt-Dieburg soll Mauer zwischen Einsatzstellen und „Bufdis“ vermitteln, etwa wenn jemand einen geeigneten Platz sucht, aber auch, wenn es Schwierigkeiten am Einsatzort gibt. Zum Problem könnte seiner Ansicht nach werden, dass die Träger von Dienststellen versuchen, die Preise zu drücken. Er kenne Fälle, in denen den „Bufdis“ 190 Euro Taschengeld geboten würden: „Nicht erst da ist für viele die Schmerzgrenze erreicht.“ Man müsse dafür immerhin 40 Stunden pro Woche arbeiten.

          Mauer hofft, dass der Mangel an Helfern dazu führt, dass den Freiwilligen attraktive Angebote gemacht werden und ein fruchtbarer Wettbewerb entsteht. Für undankbare Arbeiten, die früher die Zivildienstleistenden erledigen mussten, müsste dann möglicherweise Personal eingestellt werden. Und Ende 2012 werde resümiert, ob der neue Dienst so funktioniere, wie man es sich vorgestellt habe. „Wenn er floppt“, sagt Norbert Mauer, „müssen wir umdenken.“ Wehr- und Zivildienst seien schließlich nicht abgeschafft, sondern nur ausgesetzt.

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