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Hauptschulen : „Die sie nicht wollen, verteidigen sie“

Schlechte Chancen: Laut Bildungsbericht finden nur 40 Prozent der Hauptschüler in den ersten sechs Monaten nach dem Abschluss einen Ausbildungsplatz Bild: Michael Hauri

Die Hauptschule ist zum Sterben verurteilt, sagt Helmut Deckert: Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung im Interview zu dem Themenschwerpunkt im zweiten nationalen Bildungsbericht.

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          Herr Deckert, wie fühlt sich wohl ein Lehrer an einer Hauptschule, wenn er in dem am Freitag veröffentlichten nationalen Bildungsbericht liest?

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er kann sich nur schlecht fühlen, weil er bestätigt bekommt, dass die Hauptschule eine Schule ist, die am Aussterben ist. Andererseits weiß er, dass gerade die Hauptschulen Einrichtungen sind, an denen das Personal pädagogisch Hervorragendes leistet.

          Man denkt es sich ohnehin, nun ist es auch amtlich: Klientel der Hauptschulen sind vor allem junge Männer aus Einwandererfamilien. Wie kann wieder eine heterogene Mischung erreicht werden?

          Überhaupt nicht, auch in Hessen nicht. Wer – wie zum Beispiel die Bundes-SPD jetzt mit der Forderung nach einem Recht auf den Hauptschulabschluss – von dieser Schulform spricht, geht meistens von falschen Voraussetzungen aus. Die erste heißt, dass die Hauptschule nur Unterstützung brauche, dann sei sie noch haltbar. Das mag bis vor ein paar Jahren gegolten haben, als Programme wie die hessischen Schub-Klassen noch einen gewissen Stabilisierungsfaktor hatten. Heute sehen wir, dass in den Klassen fünf und sechs die Akzeptanz der Hauptschule überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Und die zweite ganz falsche Annahme ist, dass es irgendwann wieder genügend Eltern geben könnte, die ihr Kind nach Klasse vier in der Hauptschule anmelden.

          Warum soll das nicht möglich sein?

          Weil es nicht genügend Eltern gibt die glauben, dass die Wirtschaft Hauptschülern Perspektiven bietet. Und das ist ja auch schlicht und einfach nicht so. Von 420 Ausbildungsberufen in Deutschland sind gerade noch zehn Prozent überhaupt für Hauptschüler offen.

          Nur gut 40 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, so steht es im Bildungsbericht, finden in den ersten sechs Monaten nach Verlassen der Schule einen regulären Ausbildungsplatz; Realschüler schaffen es schneller. Auch das ein Argument für die Abschaffung der Hauptschule?

          Es ist ein Argument dafür, dass man sich recht schnell überlegen muss, wie man für diese Klientel eine Perspektive schafft. Denn wie immer man Schulen nennt, bleibt doch das Problem, dass ein großer Teil von Jugendlichen heute nicht vermittelbar ist.

          Verlangen Sie also von der Wirtschaft, sie solle sich verpflichten, Hauptschüler einzustellen?

          Ich verlange von der Wirtschaft, dass sie den Jugendlichen mit Hauptschulabschluss einen Zugang zu Ausbildungsberufen ermöglicht. Das ist zu wenig der Fall.

          In Hessen war die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff stolz darauf, dass die Zahl der Schüler ohne Abschluss in ihrer Amtszeit gesunken sei. Was hat sie richtig gemacht?

          Richtig gemacht hat sie, dass sie die Probleme der Schüler erkannt und zum Beispiel das Schub-Modell ins Leben gerufen hat, bei dem Hauptschulklassen eng mit Firmen zusammenarbeiten. Die Schüler werden dadurch hervorragend gefördert, das muss man sagen, aber die Probleme der Schulform insgesamt werden dadurch nicht gelöst. Und das Schub-Modell auf ganze Schulen, auf alle Hauptschulen auszuweiten, wie Wolff das wollte, ist nicht finanzierbar.

          Dass sie bei diesem Plan nicht im Boot wäre, hatte ja auch die Wirtschaft bald gesagt.

          Ja, und dafür wird es mit Sicherheit auch in Zukunft keine Unterstützung geben.

          Ihr Verband schlägt vor, nach der Grundschule zweigleisig zu trennen und die Kinder ohne Gymnasialempfehlung erst einmal gemeinsam weiterzubetreuen. Was würde das für die Zukunft der Realschulen bedeuten?

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