https://www.faz.net/-gzg-129y3

Harte Kritik nach Abiturpanne : „Blamage für die Bildungspolitik“

  • -Aktualisiert am

„Das ganze Verfahren stimmt nicht”: Ministerin Henzler Bild: dpa

Kultusministerin Henzler (FDP) will nach der Panne beim Mathe-Landesabitur das Vorbereitungsverfahren überprüfen. Sechsmal seien die Abiturfragen kontrolliert worden, trotzdem hätten sie Fehler enthalten. Schüler, die die Prüfung wiederholen wollten, müssten sich bis 21. April entscheiden.

          3 Min.

          Die Opposition im Landtag hat Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) nach der Panne beim Landesabitur deutlich kritisiert. Die Fehler bei der Mathematikprüfung am vergangenen Freitag seien der Beleg dafür, dass im Kultusministerium „schlampig gearbeitet“ werde; dies sei die „größtmögliche Blamage für die Bildungspolitik von CDU und FDP“, sagte Mathias Wagner (Die Grünen). Die schulpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten, Heike Habermann, sprach von einer „mittleren Katastrophe“ und warf der Ministerin vor, sie habe die Tragweite der Ereignisse nicht erkannt und nicht schnell und entschlossen genug gehandelt.

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Reaktion Henzlers auf die von ihr nicht persönlich zu verantwortende Panne sei mangelhaft gewesen, weil sie die Abiturienten ein ganzes Wochenende lang über die Konsequenzen im Unklaren gelassen habe, sagte Wagner weiter. „Ihre erste Bewährungsprobe haben sie nicht bestanden.“ Habermann forderte für die SPD-Fraktion eine Landtagsanhörung zur Gestaltung der Abiturprüfungen und wies darauf hin, dass die Fehler in der diesjährigen Mathematikprüfung zwar besonders spektakulär, aber „beileibe kein Einzelfall“ seien. Barbara Cárdenas (Die Linke) übte grundsätzliche Kritik am Landesabitur, das viele Schüler überfordere.

          Ministerin kündigt Konsequenzen an

          Die Kultusministerin verteidigte das zentral organisierte Abitur, kündigte aber an, sie werde das Vorbereitungsverfahren überprüfen. „Das Landesabitur als transparentes, vergleichbares Prüfverfahren hat sich bewährt und wird beibehalten.“ Dass es in den Abiturfragen trotz sechsmaliger Kontrolle noch Fehler gegeben habe, spreche jedoch dafür, dass das ganze Verfahren zur Erstellung und Kontrolle der Aufgaben, einschließlich der Beteiligung des Wiesbadener Instituts für Qualitätsentwicklung, überarbeitet und verbessert werden müsse. Die Ministerin hob hervor, dass die betroffenen Abiturienten die Mathe-Arbeit am 30. April wiederholen könnten. Bis zum 21. April müssten sie sich dazu entscheiden.

          Der CDU-Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer lobte die Reaktion Henzlers, sagte aber auch: „Solche Fehler dürfen nicht passieren.“ Der FDP-Abgeordnete Wolfgang Greilich lobte Henzlers Verhalten nach der Panne: „Chapeau, das war eine gute Leistung, das ist phantastisch gelaufen.“

          Lehrerverbände äußerten sich auf Anfrage ebenfalls positiv zum Verhalten der Kultusministerin. „Nach Lage der Dinge hat sie eine saubere Lösung gefunden“, sagte Knud Dittmann, Vorsitzender des hessischen Philologenverbandes. Auch wenn nun vielfach die Meinung geäußert werde, es sei unnötig, dass die von den Fehlern nicht betroffenen Schüler ebenfalls eine zweite Klausur schreiben könnten, müsse es eine Gleichbehandlung geben. „Es wäre ungerecht, wenn ein Teil der Schüler einen zweiten Anlauf für die Mathe-Klausur bekäme und ein anderer Teil diese Chance nicht hätte“, sagte er. Zur Entlastung der Lehrer, die nun zusätzliche Arbeiten korrigieren müssten, forderte er Sonderzeit für die Korrekturen und eine Vergütung der Mehrarbeit.

          Lehrerverbände auf Henzlers Seite

          Volker Räuber, Vorsitzender des Landesverbands der Oberstudiendirektoren, sagte, die Leiter des hessischen Gymnasien hielten die Entscheidung der Ministerin für richtig. Die Fehler und die Diskussion darüber hätten unmittelbar nach den Prüfungen Unruhe und Unsicherheit unter den Schülern ausgelöst. Vor allem wegen der weiteren Klausuren, die in dieser Woche angestanden hätten, habe sofort eine Lösung gefunden werden müssen, die juristisch einwandfrei sei.

          Der Direktor des Instituts für Qualitätssicherung, Bernd Schreier, sprach sich im Gespräch mit der F.A.Z. dafür aus, das Verfahren für die Aufgabenstellung zu optimieren, das Landesabitur aber beizubehalten. Trotz der Fehler seien die landesweiten Prüfungen „mit einem Höchstmaß an Richtigkeit abgelaufen“ und generell sicherer als unterschiedliche Prüfungen an jeder Schule. Sein Institut suche zurzeit die Ursachen der Fehler. Zwar werde jeder Schritt in der Entwicklung der Aufgaben dokumentiert, doch könne er noch nicht sagen, wann die Fehlerquelle gefunden sei. „Wir tragen alle gemeinsam die Verantwortung“, sagte Schreier.

          Abiturienten, die sich dafür entscheiden, die Klausur abermals zu schreiben, müssen laut Schreier nicht befürchten, dass diese schwieriger werde als die erste. Gerüchte darüber, dass sich das Nachschreiben nicht lohne, weil die Klausuren dann absichtlich einen höheren Schwierigkeitsgrad hätten, um Schüler davon abzuhalten sich zum ersten Termin krankzumelden, seien eine „bösartige Unterstellung“. Knud Dittmann sagte, er erwarte, dass viele Schüler die Gelegenheit nutzen würden, die Klausur zu wiederholen. Den Lehrern sei es zwar verboten, das Ergebnis der ersten Klausur mitzuteilen. Es gebe aber auch „subtilere Möglichkeiten“, etwas zu erkennen zu geben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Besuch in Flutgebieten : Laschet erlebt die Wut

          Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besucht Orte, die hart von der Flut getroffen wurden. Da entlädt sich der Ärger von Betroffenen.
          Das „Aktionsbündnis der Urkantone“ macht mobil: In der Zentralschweiz ist der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen (hier eine Kundgebung in Luzern am Samstag) besonders stark.

          Schweiz : Rechte SVP streitet über Corona-Impfung

          Anhänger der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei lehnen die Corona-Impfung mehrheitlich ab. Sie lassen sich durch einen Impfappell von SVP-Doyen Christoph Blocher nicht beeindrucken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.