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Handwerk : Wie mit Gargel und Endhobel ein Fass entsteht

Historisches Vorbild: In der Klosterküche wird beim Handwerkermarkt auf offenem Feuer gekocht Bild: Rainer Wohlfahrt

Damen und Herren in farbenfrohen Rokoko-Kostümen flanierten durch den Klosterhof des ehemaligen Benediktinerklosters Seligenstadt. Handwerker in althergebrachter Arbeitskleidung demonstrierten den Besuchern ihre traditionellen Fertigkeiten beim Zunft- und Handwerkermarkt.

          Ein Fass aus Eichenholz herzustellen ist keine einfache Angelegenheit. Allein zwei Tage Handarbeit sind erforderlich, den Rand des Fassbodens so abzuhobeln, dass er in den Fassrumpf eingebaut werden kann. Wie mühselig das ist, war am Wochenende beim historischen Zunft- und Handwerkermarkt in Seligenstadt zu sehen, den der Verein „Klatschmohn“ in diesem Jahr zum zehnten Mal veranstaltete: Im ehemaligen Benediktinerkloster wurde die Zeit mehrere Jahrhunderte zurückgedreht. Damen und Herren in farbenfrohen Rokoko-Kostümen flanierten durch den Klosterhof, während Handwerker in althergebrachter Arbeitskleidung den Besuchern ihre traditionellen Fertigkeiten demonstrierten.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Tradition und Brauchtum des Handwerks zu pflegen, lautet das Ziel der vor zehn Jahren gegründeten Handwerkergilde Alt-Brettheim aus Bretten bei Karlsruhe, die erstmals in Seligenstadt vertreten war. Den mittelalterlichen Küferberuf darzustellen sei ihre Mission, verriet Frank Dittes, den dabei das Arbeiten mit Holz besonders fasziniert. Zehn Erwachsene und zwei Kinder gehören der Gilde an. In Bretten habe es einst mehrere Küferwerkstätten gegeben, berichtete William Cieplik, der den Besuchern erklärte, dass mit dem Gargel oder Kimmhobel früher die Nut in den Fassboden geschnitten wurde und der Endhobel dazu diente, die Fassung kreisrund zu machen. Die Abziehklinge, auch Schabhobel genannt, war hingegen dafür nötig, die Fassdauben in die richtige Form zu bringen.

          Streifen von Rattanrinde

          Fässer seien früher „universell eingesetzt“ worden, sagte Cieplik. Bier wurde darin ebenso aufbewahrt wie Einlegefleisch oder Sauerkraut. Ihr Werkzeug erhielt die Gilde von Küfern, die ihre Werkstätten inzwischen geschlossen haben. Ein Fass machen Dittes und Cieplik aber nur in der Freizeit auf: Eigentlich ist Dittes Chemietechniker, Cieplik Datennetzmonteur. Ein angehender Student und ein Bäcker sind ebenfalls bei der Handwerkergilde Alt-Brettheim aktiv.

          Die hat sich noch einem zweiten Beruf verschrieben: Unmittelbar neben den Küfern war Herbert Meindl damit beschäftigt, einem alten Stuhl zu einem neuen Sitzgeflecht aus schmalen, langen Streifen von Rattanrinde zu verhelfen. Pro Stuhl dauere das zehn bis 14 Stunden, erläuterte Meindl, der eigentlich Anwendungsberater für Computer ist, die filigrane Arbeit. Ein einfaches Geflecht oder ein Sonnengeflecht benötigen weniger Zeit; länger dauert es beim Wiener Geflecht, das aber auch das stabilste sei. Als Lehrling ging Ciepliks Frau Sandra zur Hand.

          Holunderpfannkuchen

          Mehr als 80 verschiedene Handwerksberufe hatten „Klatschmohn“ und der Vereinsvorsitzende Horst Müller in der alten Abtei versammelt: Zimmerleute und Bürstenbinder, Gewürzhändler und Brauer trafen dort ebenso aufeinander wie Wollfärber und Büchsenmacher. Der Zunft- und Handwerkermarkt hat sich längst über Seligenstadt hinaus in der Region einen Namen gemacht und zog wieder Tausende von Besuchern an. Bürgermeisterin Dagmar Nonn-Adams (parteilos) mischte sich in der Rolle der Witwe eines Augsburger Kaufmanns aus der Zeit der Kaufmannszüge, die von Nürnberg und Augsburg über Seligenstadt nach Frankfurt zogen, unter das Publikum. Scholaren ließen mittelalterliche Lieder im kühlen Sommerrefektorium erklingen, während Gaukler auf der Bühne neben der Prälatur und auf der großen Wiese ihre Kunststücke vorführten. In der Klosterapotheke wurden Pillen gedreht, und in der Prälatur brannte das Küchenfeuer: Mägde bereiteten Holunderpfannkuchen zu.

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