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Fund von Waldgirmes : Pferdekopf „einzigartiger Fund in Europa mit Weltrang“

  • -Aktualisiert am

Lässt Fachleute frohlocken und ist... Bild: ddp

Der in Waldgirmes gefundene römische Pferdekopf ist nach Einschätzung von Fachleuten so bedeutend wie die Himmelsscheibe von Nebra und der Keltenfürst vom Glauberg. Der Kopf und ein zuvor entdeckter Reiterfuß gehören zu einem Standbild des Kaisers Augustus.

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          Der Pferdekopf einer römischen Reiterstatue, den Archäologen bei Ausgrabungen in der Nähe von Lahnau im Lahn-Dill-Kreis entdeckt haben, hat sich als Sensationsfund erwiesen. Das fast vollständig erhaltene Bronzehaupt zähle zu „den qualitativ besten Stücken, die jemals auf dem Gebiet des einstigen römischen Reiches gefunden wurden“, sagte Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) bei der Vorstellung des Fundes in Frankfurt.

          Am 12. August hatte ein Archäologenteam das Relikt aus einem Brunnen einer ehemaligen Römersiedlung im Lahnauer Ortsteil Waldgirmes geborgen. Weltweit gibt es nur zwei vergleichbare Fundstücke, die aber in einem schlechteren Zustand sind. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll der Kopf restauriert werden. Die Kosten von 150.000 Euro trägt das Landesamt für Denkmalpflege.

          Römische Siegesgöttin Victoria

          Ersten Untersuchungen zufolge gehörte der Kopf zu einer Reiterstatue, die vermutlich zwischen den Jahren 4 und 3 vor Christus in Griechenland oder im Hinterland zwischen Rimini und Ancona im heutigen Norditalien hergestellt wurde, wie der hessische Landesarchäologe Egon Schallmayer erläuterte. Die Reiterfigur zeigte mit aller Wahrscheinlichkeit den römischen Imperator Augustus, der von 23 vor bis 14 nach Christus regierte. Bei der Klärung weiterer Fragen sollen auch mehr als 100 weitere Fundstücke helfen, die aus dem elf Meter tiefen Holzbrunnen geborgen wurden. Dazu zählt der rechte Fuß der bronzenen Kaiserfigur und ein Brustgurt des Pferdes.

          Begehrtes Fotoobjekt: der bei Waldgirmes gefundene Pferdekopf aus römischer Zeit

          Der Pferdekopf sei künstlerisch und handwerklich hervorragend gearbeitet, erläuterte Kühne-Hörmann. Das Zaumzeug des Rosses ist mit sechs Zierscheiben geschmückt, auf denen die römische Siegesgöttin Victoria zu sehen ist. Auf dem Nasenrücken fanden die Forscher ein Abbild des römischen Kriegsgottes Mars.

          Götter besänftigen

          Der Fund liefert auch neue Aufschlüsse über die Pläne der Römer in Germanien. Von der Siedlung im heutigen Waldgirmes aus habe Rom Gebiete, die noch erobert werden sollten, verwalten wollen, so Schallmayer. Ein Militärlager war die Siedlung jedoch nicht. Nach der vernichtenden Niederlage des römischen Senators Varus im Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christus zogen die Invasoren sich sieben Jahre später auch aus dem heutigen Hessen zurück. Dieser Rückzug sei vermutlich sehr eilig geschehen, so Kühne-Hörmann, da die Römer die kostbare Statue sonst mitgenommen hätten.

          Dass das Haupt des Rosses erhalten ist, liegt am Umgang der Germanen mit der Skulptur: Die Römer glaubten, dass der Kaiser selbst in der Statue präsent sei. Daher zerstörten die Germanen, die selbst Pferdekulte pflegten, die römische Reiterstatue. In den Brunnen, den die Forscher jetzt entdeckt haben, warfen sie dann laut Schallmayer zunächst den Kopf und anschließend Mühlsteine - wohl um ihre Götter zu besänftigen.

          Bürgermeister wünscht sich Museum

          Schon seit 1993 graben Forscher auf dem rund 7,5 Hektar großen Gelände der ehemaligen Römersiedlung. 2,6 Millionen Euro haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Land Hessen, das Deutsche Archäologische Institut und die Gemeinde Lahnau in dieser Zeit investiert. Momentan wird ein interdisziplinäres Forschungsteam zusammengestellt, um nach den abschließenden Grabungen von Oktober an die Funde auszuwerten. Dabei soll unter anderem auch die Vegetation der Region zur Zeitenwende untersucht werden, denn im Brunnen wurden auch organische Reste gefunden.

          Was mit dem Pferdekopf nach der zweijährigen Restaurationsphase geschieht, ist laut Kühne-Hörmann noch unklar. Die Gemeinde Lahnau hofft aber darauf, von dem Sensationsfund zu profitieren. Ein Museum und eine umfangreiche Darstellung des römischen Lebens bei Waldgirmes wünscht sich Lahnaus Bürgermeister Eckhard Schultz (SPD). Dafür benötige er jedoch Sponsoren und Geld vom Land.

          Geplantes Gewerbegebiet

          1993 hatte die Stadt Lahnau den Bebauungsplan für ein Gewerbegebiet auf der ehemaligen Römersiedlung aufstellen wollen, als gleichzeitig eine Hobbyarchäologin römische Keramik auf dem Areal entdeckte. Das Scheitern des geplanten Gewerbegebietes habe die Stadtverwaltung damals sehr bedauert, heute freue er sich aber sehr über die archäologischen Funde, sagte Schultz.

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