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Freiensteinau : Streit um Windkraft im Vogelsberg

Der Vogelsberg rotiert: ein Windrad bei Hartmannshain Bild: F.A.Z. - Tobias Schmitt

Die Vogelsberg-Gemeinde Freiensteinau will die Zahl der Windkraftanlagen um das Dreifache erweitern. 24 neue Anlagen sollen der Gemeinde viel Pacht bringen. Dass Vorhaben sorgt im Landratsamt für Entrüstung.

          Die Pläne der Vogelsberg-Gemeinde Freiensteinau, in ihrer Gemarkung der Windkraft zu mehr Schubkraft zu verhelfen, haben einen Sturm des Protests ausgelöst. Allerdings weniger in Freiensteinau selbst, sondern im Landratsamt in Lauterbach. Der Vogelsberger Landrat Rudolf Marx (CDU) ist nach eigenem Bekunden schockiert vor allem über die Dimension des Vorhabens. Tatsächlich handelt es sich um ein Großprojekt, mit dem sich die Zahl der Windkraftanlagen auf dem Territorium der Kommune verdreifachen würde. Bislang produzieren zwölf Anlagen in Freiensteinau Strom aus Windkraft. Nun sollen nach den Vorstellungen der Gemeinde 24 weitere hinzukommen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Es ist auch die Größe der geplanten Anlagen, die den Landrat auf den Plan ruft. Bei der Mehrzahl der neuen Windräder handelt es sich um Anlagen mit Höhen von bis zu 140 Metern. Marx fürchtet „nachhaltige Beeinträchtigungen“ des Landschaftsbildes, was mit den Bemühungen, den Vogelsberg als Region für Erholungsuchende zu bewerben, nicht in Einklang zu bringen sei. Auswirkungen auf den Vogelzug seien nicht auszuschließen. Nicht zuletzt stört sich Marx daran, dass die Gemeinde im Vergleich zu früheren „behutsamen“ Planungen zur Nutzung von Windenergie nunmehr eine „Kehrtwende“ vollzogen habe. Das will Bürgermeister Friedel Kopp (parteilos) nicht bestreiten. Die ersten vier Windräder wurden Ende der neunziger Jahre aufgestellt. Es handelte sich nach dem damaligen Stand der Technik um kleinere Anlagen. Als private Betreiber Anfang dieses Jahrzehnts weitere Anlagen errichten wollten, sprach sich die Kommune gegen ein solches Vorhaben aus. Auch die Gerichte lehnten das Ansinnen ab, da es nicht mit dem Flächennutzungsplan vereinbar sei.

          Chance auf Mehreinnahmen in der strukturschwachen Region

          Als Investoren später einen neuen Vorstoß wagten, habe sich die Gemeinde dann nicht mehr gesträubt, sagt der Rathauschef. Er begründet das mit neuen gesetzlichen Bestimmungen zur bevorzugten Nutzung von Windenergie und der Überarbeitung des Regionalplans für Mittelhessen, der Vorrangflächen für weitere Windkraftanlagen auch in Freiensteinau ausgewiesen habe. Also kamen in den zurückliegenden Jahren acht weitere Anlagen hinzu, davon einige der neuen Generation von bis zu 100 Metern Höhe.

          Dass sich die Gemeinde nun selbst zum Vorreiter für die Windenergie gemacht hat, begründet Kopp mit einem „gewissen Pragmatismus“. In der gesamten Region seien in den vergangenen zehn Jahren immer mehr Anlagen hinzugekommen, prägten vielerorts schon das Landschaftsbild. Zudem sei der vermehrte Einsatz regenerativer Energien politisch gewollt. Der Gemeindevorstand hält es vor diesem Hintergrund also für das Beste, wenn Freiensteinau die Angelegenheit in die eigenen Hände nimmt und über den Flächennutzungsplan vorschreibt, wo sie noch weitere Anlagen errichten lassen will. Vorgesehen sind demnach mehrere Flächen von insgesamt etwa 300 Hektar. Ein Teil dieser Areale befindet sich in Waldgebieten. Allerdings handelt es sich nach Angaben von Kopp um solche Waldstücke, die von Orkanen der vergangenen Jahre weitgehend zerstört und noch nicht wiederaufgeforstet worden seien.

          Dass sich die neuen Flächen für Windkraft größtenteils mehr als einen Kilometer von Siedlungen entfernt befinden, darin sieht der Bürgermeister einen Hauptgrund, warum sich gegen den großflächigen Ausbau der Windenergie in seiner Gemeinde kaum Widerstand regt und er in den politischen Gremien weitgehend einmütig verfolgt wird. Mehr noch sind es aber wohl ökonomische Gründe, die Freiensteinaus Wohlwollen in Sachen Windkraftanlagen fördern. Rund 300.000 Euro im Jahr könnte die Gemeinde an Pacht mit den neuen Flächen für Windkraftanlagen einnehmen. Hinzu kämen beträchtliche Gewerbesteuereinkünfte. Für eine kaum 4000 Einwohner zählende Kommune in strukturschwacher Region sei das eine Chance auf Mehreinnahmen, sagt der Bürgermeister. Geld, das man für den Ausbau der Infrastruktur brauche.

          Ob Freiensteinau zu einer der Kommunen mit den meisten Windrädern in Hessen wird, liegt in der Hand der Regionalversammlung Mittelhessen. In diesem Gremium muss die Gemeinde eine entsprechende Änderung des Regionalplanes herbeiführen, denn die Flächen für die geplanten Anlagen sind dort nicht als Vorrangflächen ausgewiesen, wie es aus dem Regierungspräsidium Gießen heißt. Mit der Neufestsetzung ihres Flächennutzungsplans jedenfalls könne sich die Gemeinde nicht über die Vorgaben des Regionalplans hinwegsetzten. Der neue Regionalplan wurde erst im vergangenen Jahr beschlossen.

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