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Flüchtlinge an Hochschulen : „Ich wollte immer studieren“

  • -Aktualisiert am

Tewelde Samuel, Flüchtling aus Eritrea, studiert jetzt Bauingenieurwesen an der TU Darmstadt. Bild: Marcus Kaufhold

Mit Willkommensprogrammen werben hessische Hochschulen um Flüchtlinge. Erste Teilnehmer beginnen zum Wintersemester ein Studium. Es sind weniger als erwartet.

          Vom Ziel seiner Träume ist Tewelde Habteab Samuel nur noch vier Semester entfernt. Am 3. Oktober vor zwei Jahren ist der Eritreer in Deutschland angekommen, nach einer siebenstündigen Schlauchbootfahrt über das Mittelmeer und kurzen Aufenthalten in Italien und Frankreich. Jetzt ist der höfliche junge Mann Student der Technischen Universität Darmstadt. In seiner Heimat hatte er einen Bachelorabschluss als Bauingenieur erworben, nun will er hier im gleichen Fach den Master machen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Studieren“, sagt Samuel, „war für mich immer das Wichtigste im Leben.“ Gleich danach kommt der Wunsch, in dem Beruf zu arbeiten, für den er ausgebildet wurde. In Eritrea ging das nicht: Nach dem Bachelor unterrichtete er dort Physik. Der Mangel an Perspektiven in der sozialistischen Diktatur trieb den heute Sechsundzwanzigjährigen wie viele seiner Landsleute in die Flucht. Nach Deutschland lockten ihn die starke Wirtschaft und das gute Bildungssystem. Auf Bildung wird in seiner Familie viel Wert gelegt: Samuels Vater war Maurer, doch fast alle seiner sechs Geschwister haben eine Hochschule besucht.

          Für Erfolgsgeschichten ist es noch zu früh

          Wenn Samuel in gutem Deutsch über seinen Weg von der Erstaufnahme in Gießen an die TU Darmstadt spricht, wirkt es, als habe er einen wohldurchdachten Plan verfolgt. Schon in Gießen fing er an, Deutsch zu lernen. Später, als er in einer Unterkunft in Friedrichsdorf wohnte, bekam er Unterricht in Oberursel. Die ehrenamtlichen Lehrer von „Teachers on the road“ haben ihm geholfen, und er wurde ins „Academic Welcome Program“ für hochqualifizierte Flüchtlinge aufgenommen, das die Frankfurter Uni vor einem Jahr ins Leben gerufen hat. Er verbesserte sein Deutsch weiter und belegte als Gasthörer Vorlesungen des Studiengangs Umweltwissenschaften. Schließlich hatte er alles, was zur Einschreibung in einem regulären deutschsprachigen Studiengang nötig ist: außer dem Nachweis der fachlichen Qualifikation Sprachkenntnisse auf C1-Niveau, der zweithöchsten Stufe, und einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

          Gerne würden die Hochschulen viele Erfolgsgeschichten wie die von Samuel präsentieren. Doch dazu ist es noch zu früh. Manche Begrüßungsprogramme, die nach dem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen im vergangenen Jahr aufgelegt wurden, haben ihren ersten Zyklus noch nicht vollendet - etwa das „Willkommensjahr Maschinenbau“ an der Frankfurt University of Applied Sciences. Auch kommen nicht alle so gut mit dem Deutschlernen voran wie Samuel. Von den derzeit 76 Teilnehmern des „Academic Welcome Program“ nähmen jetzt zwei ein reguläres Masterstudium auf, berichtet Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Uni Frankfurt. „Das sind weniger, als wir erwartet haben.“ Hauptgrund sei, dass die Teilnehmer länger bräuchten, um das C1-Sprachniveau zu erreichen.

          Mit eindrucksvollen Einschreibezahlen kann auch die TU Darmstadt nicht dienen. Samuels Immatrikulation ist eine von nur wenigen; derzeit liefen aber noch Bewerbungsgespräche, teilt die Universität mit. Groß ist immerhin das Interesse: Mehr als 900 Flüchtlinge hat die TU 2015 beraten; 67 Prozent von ihnen kamen aus Syrien, zehn Prozent aus Afghanistan, je fünf Prozent aus Iran und dem Irak. Von einer ähnlichen Verteilung der Nationalitäten berichten auch andere Hochschulen. Ebenso von einem hohen Männer-Überschuss: Nur 13 Prozent der Asylsuchenden, die sich an der TU erkundigten, waren Frauen.

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