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Finanz-Nachhilfe : Fünfte und sechste Stunde beim Geldlehrer

  • -Aktualisiert am

So beliebt wie kostenträchtig: Playstation Bild: dapd

Ob Jugendliche oder Erwachsene, viele geben Geld unklug aus. Ökonomische und finanzielle Kompetenz der Schüler sind Grundlagen für ein mündiges Leben. Das ist die Aussage des Vereins Geldlehrer Deutschland.

          Playstation, Smartphone oder das erste Motorrad kaufen, das geht ganz leicht. Meist verführen Ratenzahlungen auch die zum Kauf, die das Geld für derlei Investitionen eigentlich nicht übrig haben. Sorgen- und risikofreies Abzahlen wird versprochen, doch diese Rechnung geht bei vielen jungen Menschen schon lange nicht mehr auf.

          „Über Geld spricht man nicht?“, fragt Heiko Ludwig die 16 Schüler aus den drei neunten Gymnasial-, Real- und Hauptschulklassen der Integrierten Gesamtschule Wanfried. „Nur dann nicht, wenn man nichts drüber weiß“, antwortet er selbst. Im Klassenraum ist es anfangs noch unruhig. Wenige Schüler hören dem Geldlehrer aufmerksam zu, andere scheinen die beiden letzten Stunden über sich ergehen zu lassen, wieder andere stören. „Wer hier aufpasst, kann am Ende des Schuljahres sogar die eigene Altersvorsorge berechnen“, verspricht der 39 Jahre alte Geldfachmann und verschafft sich tatsächlich im Lauf der nächsten 80 Minuten mehr Aufmerksamkeit.

          Hochschulabschluss als unabhängiger Finanzberater

          Der Wanfrieder Heiko Ludwig ist einer von 35 Geldlehrern, die in Deutschland unterrichten. Der Versicherungsfachwirt und Finanzmathematiker, Spezialgebiet unabhängiger strategischer Vermögensaufbau, hat einen Hochschulabschluss als unabhängiger Finanzberater (“Independent Financial Consultant“) der Hochschule München. Den Schülern stellt er einfache praxisnahe Rechenaufgaben aus dem Alltag. „2000 Euro legt ihr sieben Jahre bei einem Zinssatz von 3,5 Prozent an. Am Ende wollt ihr 5000 Euro haben. Wie viel müsst ihr monatlich noch ansparen?“, fragt er, und die Schüler rechnen. Mit einem speziellen Taschenrechner vom Geldlehrer, der die Zahlen 0 bis 9, Vorzeichen, Plus und Minus und die „Finanztasten“ Jahre, Zins, Start, Rate und Ende besitzt. „Der Rechner ist Gold wert“, sagt Ludwig, wenn man ihn richtig bedienen kann. Nach einer halben Minute wird „Sparrate 25,89 Euro“ in den Raum gerufen. „Richtig“, lobt Ludwig, dann wird eine andere Geldanlage durchgerechnet, und mit jeder neuen Aufgabe spornt Ludwig weitere Schüler zum Mitrechnen an, in der Klasse wird es merklich leiser.

          Der Mathematiklehrer Thomas Ritter nimmt auch am Unterricht teil, hat den Rechner benutzt und die richtigen Ergebnisse herausbekommen. „Wenn ich damit nachrechne, wo ich mit meinem langfristigen Kredit für mein Haus lande, zahle ich das zweieinhalbmal ab“, sagt Ritter, und dass auch er oftmals von den Kreditberatern nicht alles erfährt, was für den eigenen Geldbeutel wichtig wäre. Er ist froh, dass seine Schüler als eine der ersten Klassen in Deutschland den Unterricht des Geldlehrers nutzen können.

          „Geldressourcen verantwortungsvoll einsetzen“

          „Für den Durchblick im Dschungel der Geldgeschäfte braucht ihr kein Studium“, erklärt Geldlehrer Ludwig derweil und vermittelt ganz simples praxisbezogenes Finanzrechnen. „Das ist für jede Volkswirtschaft wichtig“, sagt der Finanzfachmann, der dem gemeinnützigen Verein Geldlehrer Deutschland e. V. mit Sitz in Koblenz angehört. Ende 2010 mit dem Ziel gegründet, Jugendliche für wichtige finanzielle Entscheidungen fit zu machen und vor allem Schulen bei der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen zu finanzieller Bildung in den Klassen 9 und 10 zu unterstützen, gibt es den Geldlehrerunterricht in diesem Schuljahr schon an 24 Schulen für rund 600 Schüler. Alle zwei Monate werden neue Lehrer in Seminaren ausgebildet. „60 Geldlehrer für etwa 1000 Schüler peilen wir zum nächsten Schuljahr an“, so Dirk Runzheimer, Pressesprecher des Vereins. Lehrmittel und Geldlehrerseminare werden über den Verein mit Hilfe von Förderern finanziert, die Bücher und Taschenrechner für die Jugendlichen werden diesen unentgeltlich überlassen. „Wir sind aber kein Verbraucherschutzverein, sondern sehen uns als Aufklärer einer Generation, die verstehen soll, ihre Geldressourcen verantwortungsvoll einzusetzen“, sagt Runzheimer.

          Am Ende der sechsten Stunde an der IGS wissen die meisten der 16 Schüler ganz genau, worauf man bei Geldangelegenheiten achten muss und dass es sich lohnt, sein Geld zu investieren. Heiko Ludwig und seine Geldlehrerkollegen kämpfen weiter für das Sprichwort „Kleinvieh macht auch Mist“, denn das gelte nach wie vor, sagt er und wünscht sich auch in Zukunft aufmerksame Jugendliche, die ihren Nutzen erkennen, und noch mehr freiwillige Geldlehrer, die über das reden, was alle angeht.

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