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Erster Auftritt nach Rücktritt : Ypsilanti „will weiter kämpfen“

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Mit Urlaubsbäune und Mikro an der Wange unterwges zu ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Rücktritt: Andrea Ypsilanti Bild: dpa

Acht Monate lang nach ihrem Rücktritt als hessische SPD-Chefin hat sich Andrea Ypsilanti wieder einer Diskussion in der Öffentlichkeit gestellt. Und viel Beifall erhalten, sogar „Bravo!“-Rufe. „Ich bleibe politisch aktiv, aber wo, das werde ich noch sehen“, kündigt sie an.

          Andrea Ypsilantis erster öffentlicher Auftritt nach acht Monaten wirkte zunächst wie ein Schritt ins Ungewisse. Doch bereits der tosende Applaus bei ihrem Gang zur Bühne am Mittwochabend zeigt: Die Gäste der Diskussionsrunde von „Frankfurter Rundschau“ und Deutschlandfunk sehen in ihr nach wie vor eine Sympathieträgerin. Ypsilanti fliegen die Herzen zu, „Bravo“-Rufe hallen. Die Sitzplätze reichen nicht aus, etliche Interessierte ergattern nur noch einen Platz an Stehtischen. Dabei hat sie sich jüngst aus dem SPD-Bundesvorstand verabschiedet. Und auch in Hessen haben längst andere das Ruder übernommen nach Ypsilantis spektakulärem Debakel rund um den Koalitionsversuch mit Hilfe der Linken Ende 2008. Die Frage ist: Was kann diese Frau in der Partei noch bewegen?

          Mit einem Lächeln auf dem braun gebrannten Gesicht sinkt Ypsilanti in den Sessel. Gleich zu Anfang fordert sie eine schonungslose Aufarbeitung der SPD-Situation. „Wir haben in den letzten zehn Jahren die Hälfte unser Wählerinnen und Wähler verloren. Wir haben Hunderttausende Parteiaustritte“, sagt die 52 Jahre alte Frankfurterin. „Wir haben eine Wahl nach der anderen verloren. Und hier fehlt mir die offene Analyse und das offene Gespräch innerhalb der Partei und auch mit diesen Menschen, die uns bisher gewählt haben.“ Der donnernde Applaus tut ihr sichtlich gut, sie blickt in die Menge und wirkt gerührt.

          Wie ein aufgeregtes Schuldkind

          Neben ihr sitzt das SPD-Urgestein Erhard Eppler, damals Minister unter Willy Brandt und Vertreter des linken Flügels. Auch Ulrike Merten hat Platz genommen, Mitglied im SPD-konservativen Seeheimer Kreis. Und Stephan Hilsberg, Gründungsmitglied der Ost-SPD, ist dabei. Geplant ist eine Nabelschau der traditionsreichsten Partei Deutschlands, die nach der Bundestagswahl in einer der größten Krisen ihrer Geschichte steckt - und nicht genau weiß, warum sie so sehr abrutschte und auch nicht recht, wie sie da wieder herauskommt. „Nach links oder in die Mitte“ lautet der Titel der Veranstaltung.

          Merten sagt, die Wähler hätten das SPD-Programm nur nicht verstanden. „Die Partei hat die Vermittlung nicht geleistet, und das musste zu erheblichen Verwerfungen und auch Enttäuschungen führen.“ Ypsilanti meldet sich da wie ein aufgeregtes Schulkind und will das Mikrofon. Sie sagt, die Wähler hätten die Agenda 2010 sehr wohl verstanden - gerade das sei Teil des Wahl-Fiaskos. „Wir haben nie aufgearbeitet: was war daran richtig und was war daran falsch? Auch mal die Fehler zuzugeben.“ Das trifft den Nerv der Gäste. „Ihr steht für Hartz IV und Rente mit 67“, ruft ein Zuschauer. Ypsilanti meint: „Ich glaube, dass die Wählerinnen und Wähler das Gefühl haben: Ihr da oben versteht uns da unten überhaupt nicht mehr.“ Wieder Applaus.

          „Ich bleibe politisch aktiv“

          Ypsilanti ist emotional, gestikuliert wild. „Wir haben es nicht vermocht, ein Gesamtbild von einer solidarischen und freien Gesellschaft zu zeigen.“ In Hessen hingegen sei das damals gelungen. „Wir haben es geschafft, die Nichtwähler zu mobilisieren.“ Am Rande verrät sie: „Bei der Auseinandersetzung mit mir als Person sind sehr viele Grenzen überschritten worden.“ Doch resignieren? Nicht mit Ypsilanti. Ihre „Liebe für die SPD“ sei ungebrochen. Sie wolle weiter für die Sozialdemokratie kämpfen. „Ich bleibe politisch aktiv, aber wo, das werde ich noch sehen“, sagt sie in dem übervollen Saal.

          Dass womöglich gerade das Wahl-Debakel in Hessen mit Schuld sei am bundesweiten Zustimmungstief - das will Ypsilanti nicht mehr hören: „Da will ich auch nicht mehr drüber reden.“ Zum Ende der Diskussion muss sie ihren zwölfjährigem Sohn Konstantin Bescheid geben, dass es länger dauere. Die beiden haben Karten für den Fußball-Pokal-Knüller Frankfurt gegen Bayern. Viele Gäste wollen Ypsilanti regelrecht herzen, sich Bücher signieren lassen oder sie zum Kaffee einladen. Die Politik geht an diesem Abend wieder vor. Ypsilanti verlässt das Gebäude viel später als geplant, die Fußballtickets verfallen. „Jetzt hab ich meinem Sohn versprochen, dass wir das Spiel zu Hause gucken.“ Und sieht eine Pleite der Eintracht, die ihrem eigenen Debakel ähnelt.

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