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Energiewende in Hessen : 160 neue Windräder in vier Jahren

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Fundamental: Hessen will zwei Prozent der Landesfläche für den Bau von Windrädern reservieren – wie hier bei Ober-Beerbach im Odenwald. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die SPD sieht die Ziele des Energiegipfels in Gefahr. Der hatte vor zwei Jahren festgelegt, dass zwei Prozent der Landesfläche für Windräder genutzt werden sollen. Die FDP will von dieser Vorgabe nichts mehr wissen.

          Rund 160 neue Windkraftanlagen sind nach Auskunft des Wirtschafts- und Energieministeriums in den vergangenen knapp viereinhalb Jahren in Hessen gebaut worden. Laut dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik waren damit Ende vergangenen Jahres rund 740 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 955 Megawatt in Betrieb. Es werden aber nicht nur zusätzliche Windräder errichtet, sondern auch ständig ältere durch modernere, leistungsstärkere ersetzt. Ein amtliches, aktuelles Verzeichnis aller Windräder im Land mit den exakten Standorten und Leistungsdaten gibt es bisher nicht.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von Januar 2010 bis zum 1. April dieses Jahres sind nach Ministeriumsangaben 158 Windkraftanlagen in Betrieb gegangen oder stehen unmittelbar davor; 55 sind es in Nord-, 76 in Mittel- und 27 in Südhessen. Offiziell stillgelegt worden sei keine einzige Anlage. Allenfalls sei eine Genehmigung erloschen, weil der Antragsteller das Vorhaben nicht verwirklicht habe, oder Anlagen seien nach einer Änderungsgenehmigung „repowered“, sprich durch Windräder mit verbesserter Leistungsfähigkeit ersetzt worden.

          Zwei Prozent der Landesfläche für Windräder

          Im selben Zeitraum wurden, wie das Wirtschaftsministerium jetzt auf Anfrage der SPD-Landtagsfraktion mitteilte, 149 Genehmigungsbescheide für die Errichtung und den Betrieb von Windkraftanlagen in Hessen erteilt. Dabei stammten 54 Bescheide vom Regierungspräsidium Kassel, 73 vom Regierungspräsidium Gießen und 22 von der für Südhessen zuständigen Behörde in Darmstadt (elf in Frankfurt, vier in Wiesbaden, sieben in Darmstadt). In 21 weiteren Verfahren wurde das beantragte Vorhaben von den Genehmigungsbehörden abgelehnt. 76 Anträge auf Betrieb von Windkraftanlagen befinden sich derzeit noch im Genehmigungsverfahren, 17 in Nord-, 32 in Mittel- und 27 in Südhessen.

          Der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Timon Gremmels, weist darauf hin, dass während des hessischen Energiegipfels vor zweieinhalb Jahren zwei Prozent der Landesfläche für die Windenergieerzeugung festgelegt worden seien. Die Regionalplanung für Nord-, Süd- und Mittelhessen lasse nach derzeitigem Stand allerdings Zweifel aufkommen, ob dieses Ziel erreicht werde, zumal Hessen beim Zuwachs von Windkraftanlagen deutlich hinter Ländern wie Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zurückgefallen sei. Hessen habe eindeutig Nachholbedarf, meint Gremmels. „Wir laufen Gefahr, das Zwei-Prozent-Ziel zu verfehlen.“

          FDP: Zwei-Prozent-Vorgabe zurücknehmen

          Beim Energiegipfel war beschlossen worden, dass die Versorgung mit Strom und Wärme in Hessen bis zum Jahr 2050 möglichst vollständig aus erneuerbaren Energien sichergestellt werden solle. An der Vereinbarung waren Vertreter von Landtagsfraktionen, Industrie, Gewerkschaften, Umweltverbänden und Kommunen beteiligt. Einzig die Fraktion der Linkspartei lehnte das Abschlusspapier ab. Die zentrale Vorgabe des Energiegipfels für die Regionalversammlungen lautete, dass etwa zwei Prozent der Landesfläche als Vorrangfläche für Windkraftanlagen ausgewiesen werden müssten; anderswo dürften dann keine mehr entstehen. Das bedeute, so hieß es Ende 2011, dass in Hessen bis zu 1500 Windräder zusätzlich errichtet werden könnten.

          Zwei Prozent der Landesfläche, also 422 Quadratkilometer, entsprechen der Größe von etwa 60.000 Fußballfeldern. Würde dieses Areal komplett für die Energiegewinnung aus Windkraft genutzt, könnten dort rechnerisch rund 70 Prozent des heutigen hessischen Strombedarfs gedeckt werden, argumentieren Windkraftbefürworter. Die Regierungsfraktionen CDU und Grüne, aber auch SPD und Linke halten das für unabdingbar, wenn die Energieversorgung im Jahr 2050 tatsächlich komplett (ohne Verkehr) auf alternative Quellen umgestellt sein solle.

          Die FDP im Landtag ist hingegen von den Ende 2011 mitgetragenen Beschlüssen abgerückt. In der jüngsten Parlamentsdebatte zur Energiepolitik forderte der Abgeordnete René Rock die Rücknahme der Zwei-Prozent-Vorgabe und die Rückkehr zu einer „vernunftgeleiteten Energiepolitik“. Vor allem die Windkraftnutzung im Wald stoße auf massiven Widerstand, argumentierte der FDP-Politiker. Inzwischen habe sogar der Weltklimarat der Vereinten Nationen erkannt, dass die deutsche Energiewende für das globale Klima „kontraproduktiv“ sei, und die hohen Kosten veranlassten Unternehmen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.

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