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Energiewende : Für Teller und Tank

Ein Sinnbild der Energiewende: Biogasanlagen wie diese hier in Darmstadt-Wixhausen Bild: Helmut Fricke

Die Energiewende braucht auch Weizen oder Mais. Kritiker warnen, es entstehe eine Konkurrenz zur Produktion von Lebensmitteln. Eine Bestandsaufnahme aus hessischer Sicht.

          5 Min.

          Für Bernd Winter stellt sich die Frage. Ob Weizen, Mais oder auch Raps allein zu Lebensmitteln veredelt werden sollten - oder ob sie zudem als Energiequelle dienen dürften. Im zweiten Fall wird Raps teils nicht zu Speiseöl, sondern zu Biodiesel verarbeitet. Aus Weizen wird Bioethanol. „Ob Teller oder Tank - das ist grundsätzlich schon ein Thema, aber solange wir allein für Teller nicht genug Geld bekommen, müssen wir auch Tank machen“, sagt Landwirt Winter.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er betreibt in Butzbach den Lindenhof, mästet 400 Schweine, baut auf 170 Hektar unter anderem Kartoffeln und Getreide an - und ist außerdem an einer Biogasanlage beteiligt. Er bastelt auf diese Weise mit an der auch vom Land Hessen geplanten Energiewende. Die Anlage betreibt Winter zu knapp einem Drittel mit Mist und Gülle, vor allem aber mit Mais aus eigenem Anbau in der „Kornkammer Hessens“.

          Die Preise für Mais und Weizen weisen, anders als für Reis, an den Warenterminmärkten derzeit nur in eine Richtung: aufwärts. Die Weltbank warnt inzwischen vor einer wachsenden Armut rund um den Globus, immer mehr Menschen litten unter der Entwicklung.

          Weizenpreise auf Berg-und-Tal-Bahn

          Allerdings ist der Anstieg der Preise kein Naturgesetz. Vielmehr beschreibt etwa jener für Brotweizen seit Jahren eine Berg-und-Tal-Bahn: Bekam der Bauer 2006 unmittelbar für 100 Kilogramm nur 11,22 Euro, so waren die Erlöse ein Jahr darauf fast doppelt so hoch. Es folgte aber ein dramatischer Absturz auf 10,46 Euro im Jahr 2009. Diese Talfahrt erfolgte parallel zur Finanzkrise. Umgekehrt haben sich die Brotweizenpreise mit den übrigen Rohstoffnotierungen an der Börse mittlerweile erholt: In diesen Tagen werden 100 Kilogramm Weizen für etwa 21 Euro gehandelt. Ähnlich sieht die Kurve für Futterweizen aus.

          Auch bei Raps kann von sicherer Kalkulation keine Rede sein. Von gut 24 Euro im Jahr 2006 verteuerte er sich bis 2008 um die Hälfte, bevor der Preis im Jahr darauf unter das Niveau von 2006 rutschte. Derzeit kosten 100 Kilogramm Raps rund 46 Euro. Wann es wieder abwärtsgeht, weiß niemand. Klar ist aber: Mit derart krassen Preisschwankungen kann kein Landwirt gut leben.

          Vor diesem Hintergrund haben Winter, sein Sohn Jan sowie die Geschäftspartner Burkhard und Stefan Zimmer und Norbert Reitz zusammen 1,8 Millionen Euro in die Biogasanlage gesteckt. „Wir müssen sehen, dass wir wirtschaftlich zurechtkommen.“ In sieben bis acht Jahren soll die Investition Gewinn abwerfen. Der Staat hat die fünf Wetterauer Energiewirte mit einem einmaligen Zuschuss von 75.000 Euro unterstützt. Damit sich die Anlage aber rentiert, müssen die Bauern fortan die Energie aus der 370-Kilowatt-Anlage verkaufen. Das kleine Kraftwerk liefert seit September des vergangenen Jahres außer Strom auch Wärme.

          Beifall vom Land für Energiewirte

          Der Strom fließt in das Netz der Ovag. Im Gegenzug zahlt der Friedberger Versorger zwischen 18 und 25 Cent je Kilowattstunde - so sieht es das Erneuerbare-Energie-Gesetz, kurz EEG genannt, vor. Die erzeugte Wärme vermarktet das Quintett noch nicht. Einen Teil dieser Energie zieht der Lindenhof ab, das Gros verpufft, was sich aber von Herbst an ändern soll: „Wir sind in Gesprächen mit möglichen Abnehmern.“

          Was Bernd Winter und seine Geschäftspartner machen, stößt bei der Landesregierung auf viel Anerkennung. Biomasse gilt als Eckpfeiler beim Ausbau erneuerbarer Energien. Biomasse wie Grünschnitt, Energieweizen oder Raps steht derzeit für gut vier Fünftel des Stroms und der Wärme aus erneuerbaren Quellen in Hessen, wie es in der aktuellen Biomassepotential-Analyse heißt. Nach dieser Studie stammt allerdings nur ein Sechstel der Energierohstoffe einschließlich Abfällen aus der Landwirtschaft. Bis 2020 könnte der Anteil jedoch auf 38 Prozent klettern, heißt es.

          Der hessische Bauernverband, der die Einkommen seiner rund 20.000 Mitglieder im Sinn haben muss, steht mit an der Spitze der Befürworter eines verstärkten Einsatzes von Energiepflanzen. Sein Präsident Friedhelm Schneider hält einen Ausbau der Bioenergie-Produktion um die Hälfte bis 2020 für machbar. Zu diesem Zweck könnten die entsprechend genutzten Ackerflächen von 87.000 Hektar auf 130.000 Hektar wachsen. Ohne die Nahrungsmittelproduktion zu gefährden, fügt er an.

          Nahrungsmittelkonkurrenz „sehr überschaubar“

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