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Eingebauter Wasserfilter : Ein Rucksack, der Leben retten soll

  • -Aktualisiert am

Erfinder: Franz-Bernd Frechen und der Wasserrucksack Bild: dpa

Franz-Bernd Frechen, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der Universität Kassel will Menschen helfen, die nach einer Überschwemmung oder einem Erdbeben dringend sauberes Wasser benötigen. Seine Erfindung ist ein Rucksack der besonderen Art.

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          Manchmal sind es die simplen Ideen, auf die erst einmal niemand kommt. „Diese hier ist sogar ultrasimpel“, sagt Franz-Bernd Frechen, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der Universität Kassel, und wirkt dabei fast überrascht, dass er sie schließlich hatte. Der Kasseler will Menschen helfen, die nach einer Überschwemmung oder einem Erdbeben dringend sauberes Wasser benötigen, und seine Idee dafür geht so: Die Menschen in den Katastrophengebieten schütten durch Schlamm, Unrat und Bakterien verunreinigtes Süßwasser von oben in einen mülltonnengroßen Plastikkasten und bekommen Sekunden später unten wieder klares Wasser heraus. „Oben reinkippen, unten aus dem Hahn abzapfen. Weniger geht nicht“, sagt Frechen.

          Natürlich fehlt in dieser vertikalen Sichtweise noch die Mitte, ohne die das Wasser dreckig bleiben würde: In dem Kasten, den Frechen und seine Mitarbeiter „Wasserrucksack“ getauft haben, weil ihn ein Mensch mit zwei Riemen auf dem Rücken transportieren kann, übernimmt eine Membranfilterung auf Nanoniveau die Reinigung des schmutzigen Wassers – angetrieben nur durch die Kraft des atmosphärischen Luftdrucks. Die Membranen, die in einem Plastikkasten eingespannt sind, arbeiten dabei wie Türsteher einer Diskothek, in die nur die Allerkleinsten hineindürfen: Sie lassen Wassermoleküle durch. Die viel größeren Schwebstoffe, Bakterien und selbst einige große Viren kommen dagegen nicht hindurch.

          „Wasser hat keine Trinkwasserqualität“

          Einmal hinter die Membranschranke gelangt, fließt das Wasser in einen abgeschlossenen Teil, aus dem es direkt abgezapft werden kann. Auf diese Weise produziert der Wasserrucksack zwar nicht Trinkwasserqualität nach deutschen Gesundheitsstandards, aber lange Testreihen haben gezeigt, dass zum Beispiel das Wasser der Kasseler Ahna damit wieder nahe an sehr gute Badegewässerqualität herangeführt werden könnte: Nach der Filtration enthielt das Ahna-Wasser keine Fäkalbakterien mehr. Die könnten sonst Durchfallerkrankungen hervorrufen.

          Frechen geht davon aus, dass auch Cholera-Bakterien im Wasserrucksack herausgefiltert werden – allerdings hat er dies noch nicht getestet. „Wir versprechen nicht, dass das Wasser Trinkwasserqualität hat“, sagt der 54 Jahre alte Professor. „Was wir aber versprechen, ist, dass mit dem Wasserrucksack mehr Menschen Katastrophen überleben können.“

          Rucksack kommt ohne Elektrizität und Pumpe aus

          Der Hurrikan „Mitch“ war für Frechen das Schlüsselerlebnis. Als er 1998 die Bilder von der Katastrophe in Mittelamerika sah, kam der Spezialist für Kläranlagen und Abwasserbauten auf die Idee, die damals relativ neue Technik der Membranfiltration für Katastropheneinsätze nutzbar zu machen. Mehr als elf Jahre und zahlreiche Verbesserungen der Membrantechnik später ist nun der Prototyp des Wasserrucksacks fertig. „Ich wette, bei ,Mitch‘ hätte man mit ihm die Hälfte der Opfer retten können“, sagt Frechen. Damals kamen 8.000 Menschen in Nicaragua, Honduras und Guatemala ums Leben.

          „Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen ist ein Problem, das uns nach Katastrophen oder bei unzureichender Infrastruktur immer unter den Nägeln brennt“, sagt Sebastian Dietrich von „Ärzte ohne Grenzen“ in Berlin. Auch deshalb ist der Technische Berater der Hilfsorganisation zu Frechen nach Kassel gereist, um sich den Wasserrucksack aus der Nähe anzuschauen. Er befand das Gerät zumindest für interessant. Vor allem, dass der Rucksack ohne Elektrizität, ohne Pumpe, ohne Personal und wartungsfrei betrieben werden kann, sei ein großer Vorteil. „Aber er ist noch nicht in einem Stadium, dass wir sagen könnten, wir stellen ihn unseren Patienten hin“, sagt Dietrich.

          „Ich sauf' das Wasser aus dem Ganges“

          Zum einen müsse in einer wissenschaftlichen Studie bewiesen werden, dass der Wasserrucksack auch Cholera-Bakterien aufhält, sagt Dietrich. Zum anderen sei die Frage zu klären, ob man den Wasserrucksack mit anderen Methoden verbinden könnte. Bisher nutzen die „Ärzte ohne Grenzen“ Chlor, um Wasser zu reinigen. Der Vorteil des Chlors: Es tötet alle Bakterien, vor allem aber auch gefährliche Viren ab. Allerdings ist es schwierig zu dosieren und die sogenannte Chlorierung zeitaufwendig. „Die Kombination des Wasserrucksacks mit der Chlorierung wäre eine Variante, die sehr reizvoll klingt“, sagt Dietrich. In den nächsten Wochen wird er deshalb nach Amsterdam zur Europazentrale von „Ärzte ohne Grenzen“ reisen, um dort Frechens Rucksack den Wasserspezialisten vorzustellen.

          Neben dem endgültigen wissenschaftlichen Nachweis der Tauglichkeit hat Frechen mit Geldsorgen zu kämpfen. Zwar hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) sein Projekt bisher mit 20.000 Euro gefördert, und der Vorsitzende eines bayerischen Rotary-Clubs hat Geld dazugegeben. Auch ist das internationale Interesse an dem Wasserrucksack groß, wie etwa die Einladung zu einer Wasser- und Umweltmesse in die Vereinigten Staaten von Amerika zeigt, doch weiß Frechen derzeit noch nicht, ob er die 150.000 bis 200.000 Euro zusammenbekommt, die er nach eigenen Angaben für eine Serienproduktion benötigt.

          Einen Plan hat der Kasseler Professor allerdings schon jetzt geschmiedet: Sollte das Projekt durch die DBU weiter gefördert werden, wird er mit dem Prototyp des Wasserrucksacks nach Indien fliegen. „Und dann sauf’ ich dort das Wasser aus dem Ganges“, sagt er.

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