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Eine Stadt zieht um : Sogar einen zusätzlichen Feiertag

  • -Aktualisiert am

Ein Teil des Dorfes Diemelsee im Sauerland gehört politisch zum hessischen Diemelsee. 22 Menschen sind Hessen, fühlen sich aber Nordrhein-Westfalen. Bild: DPA

In dunkleren Zeiten wurden solche Konflikte mit Waffengewalt gelöst, die Abgeordneten des Hessischen Landtags machten es am Dienstagabend kurz und schmerzlos. Jetzt hat Hessen 22 Einwohner weniger: der hessische Landtag billigt die Grenzverschiebung im Kreis Waldeck-Frankenberg.

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          In dunkleren Zeiten wurden solche Konflikte mit Waffengewalt gelöst, die Abgeordneten des Hessischen Landtags machten es am Dienstagabend kurz und schmerzlos. Ohne Aussprache und einmütig billigte der Landtag eine Verschiebung der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen, die für Hessen nicht nur einen Verlust an Territorium, sondern auch an Staatsvolk zur Folge hat. 14 Hektar und 22 Bürger weniger, das ist die ernüchternde Bilanz eines Staatsvertrags, den der Chef der hessischen Staatskanzlei, Stefan Grüttner (CDU), als ein „gelungenes Projekt im deutschen Föderalismus“ bezeichnet: „Dem erklärten Willen der Betroffenen wollen wir uns nicht verschließen.“

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich hatten 22 Einwohner des nordhessischen Ortes Diemelsee-Stormbruch vehement den Anschluss an das benachbarte Bundesland gefordert. Diese für patriotisch gesinnte Hessen kaum nachvollziehbare Sehnsucht nach dem Ausland hat vor allem praktische Gründe: Die „Willinger Straße“, an der die knapp zwei Dutzend Möchtegern-Exilanten wohnen, gehört zwar rechtlich zu Hessen, praktisch aber eher zu Nordrhein-Westfalen. Der 400 Einwohner zählende Ort Stormbruch – einst selbständig und inzwischen Teil der Gemeinde Diemelsee – befindet sich mehrere Kilometer entfernt und ist von der „Willinger Straße“ aus im Winter nur schwer zu erreichen. Deshalb orientieren sich die Anwohner seit jeher in das unmittelbar benachbarte nordrhein-westfälische Bontkirchen, einen Stadtteil von Brilon im Hochsauerlandkreis.

          „Zwangshessen“

          Die 22 Diemelseer fühlen sich als „Zwangshessen“. In der Mitte des Flüsschens Itter verläuft hier die Landesgrenze: Westlich ist Nordrhein-Westfalen, östlich Hessen. Für den Besuch der Briloner Schulen müssen Anträge gestellt werden, die Autos haben ein anderes Kennzeichen, und die Müllabfuhr kommt an einem anderen Tag. Nur die Telefone sind schon längst über die Vorwahlnummer von Brilon geschaltet.

          „Die Menschen hier werden im Krankenhaus in NRW geboren, gehen in NRW zur Schule, und sie werden auf dem Friedhof in NRW beerdigt“, sagt Bontkirchens Ortsvorsteher Albert Brüne (CDU). Nicht zuletzt deshalb hatten vor den Landtagsabgeordneten bereits Ortsbeiräte und Kreistagsvertreter den Weg für eine Grenzbereinigung sowie die Übergabe von sieben Wohnhäusern, einer Schreinerei, der Schützenhalle und eines Sportplatzes – insgesamt 14 Hektar – frei gemacht.

          Immerhin hat Hessen den Gebietsverlust so lange hinausgezögert, wie es ohne den Einsatz von Truppen möglich war. Seit Ende der fünfziger Jahre stand eine Grenzveränderung auf der Tagesordnung. Die Mauer in Berlin sei schneller gefallen, hieß es zuletzt in einer Mischung aus Verzweiflung und Ironie in Bontkirchen. Nun gilt das Motto: Ende gut, alles gut. Diemelsee erhält als Ersatz für die mit dem Bevölkerungsverlust entfallenden Schlüsselzuweisungen 390 000 Euro von der Stadt Brilon. Die „Auswanderer“ indes gewinnen nicht nur ihre ersehnte Freiheit, sondern auch einen zusätzlichen Feiertag: Allerheiligen.

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