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Ein Biologe im Polizeidienst : Auf der Suche nach der entscheidenden Spur

Harald Schneider bearbeitet für das LKA Hessen Verbrechen, die schon lange ungeklärt sind Bild: Harald Schneider

Namen vergisst Harald Schneider nie. Denn er braucht sie, damit er die Spuren, die er untersucht, mit den Personen verbinden kann, um die es geht. Schneider ist Biologe. Seit 17 Jahren arbeitet er im Dienst der Polizei - und bald im modernsten DNS-Labor Europas.

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          Namen vergisst Harald Schneider nie. Denn er braucht sie, damit er die Spuren, die er untersucht, mit den Personen verbinden kann, um die es geht. Jasmin Giebermann und Yvonne Herborn, Sebastian Musial und Petra Hübner: dies sind Namen von Opfern, die ihn wochenlang, manchmal monatelang begleitet haben, als er nach jenen Tätern gesucht hat, denen diese Menschen zum Opfer gefallen sind. „Emotionen“, sagt Schneider, „kann man sich in diesem Beruf eigentlich nicht leisten. Aber ohne geht es auch nicht.“

          Katharina Iskandar
          (isk. ), Rhein-Main-Zeitung

          Schneider ist Biologe. Seit 17 Jahren arbeitet er im Dienst der Polizei und leitet das Kriminalwissenschaftliche Institut des hessischen Landeskriminalamts in Wiesbaden, das nächste Woche in einen Neubau umziehen wird – dem dann modernsten DNS-Labor Europas. Auf Schneiders Schreibtisch stapeln sich die Akten. Blaue Ordner, gefüllt mit Tatortbeschreibungen, Obduktionsergebnissen, Analyseberichten. Manchmal findet sich darin ein Hinweis auf den Täter.

          Delikte teilweise 20 Jahre her

          Viele der Fälle, die im Landeskriminalamt (LKA) bearbeitet werden, sind sogenannte Altfälle. Tötungsdelikte, die sich manchmal schon vor mehr als zehn oder zwanzig Jahren ereignet haben und von den zuständigen Polizeidienststellen nie aufgeklärt worden sind. Schneider spricht von „intelligenten Methoden“, die Kriminalwissenschaftler anwenden müssten, dann sei so gut wie jeder Fall zu lösen. Etliche Male schon hat sich das LKA lange zurückliegenden Morden angenommen. Fälle wie der von Sabine Steffen. Die 20 Jahre alte angehende Goldschmiedin wurde im September 1989 in Hanau erschlagen aufgefunden. Schneider und seine Kollegen haben den Fall zehn Jahre später nochmals aufgerollt. Sie haben die Asservate gesichtet und die an der Leiche sichergestellten Spuren abermals untersucht. An einem Kleidungsstück der Toten fanden sie schließlich Genspuren, die einem 41 Jahre alten Mann zugeordnet werden konnten, der wegen anderer Taten schon vorbestraft war.

          Nach Angaben des LKA war dies der erste Altfall, der mit Hilfe genetischer Spuren bundesweit aufgeklärt werden konnte. Es folgten weitere Fahndungserfolge, insgesamt 109 Tötungsdelikte wurden von den Wiesbadener Experten aufgeklärt – unter anderem die Frankfurter Morde an „Trixi“ Scheible und Margarethe Buckwitz. Ferner wurden mit Hilfe von DNS-Spuren 157 Sexualstraftäter ermittelt, mehr als 8000 Diebstähle und knapp 700 Erpressungs- und Raubdelikte aufgeklärt.

          Hautschuppen, Haarfragmente, Sperma

          Die Erfolge der Kriminalwissenschaft leben von den Spuren, die immer und überall vorhanden sind, aber halt gefunden werden müssen, wie Schneider sagt. In der Regel seien es Hautschuppen, Haarfragmente, Sperma oder Blut – winzige Mengen reichten heute schon aus, um die genetische Beschaffenheit bestimmen und mit der bundesweiten DNS-Analyse-Datenbank vergleichen zu können. Niemand könne sich nach einem Verbrechen mehr in Sicherheit wiegen: „Früher oder später kriegen wir sie alle.“

          Die Zahl der sichergestellten Spuren geht bei einem Tötungsdelikt oft in die Tausende. Leichen werden in der Regel mit mehr als 50 Folien abgeklebt. Jede ist 100 Quadratzentimeter groß, und je Quadratzentimeter werden bis zu zehn „hautähnliche Partikel“ sichergestellt. „Da kann man sich ausrechnen“, sagt Schneider, „wie groß der Analyseaufwand ist.“

          Der 47 Jahre alte Biologe hat deshalb eine Methode entwickelt, die es den Ermittlern ermöglicht, in relativ kurzer Zeit den Überblick zu gewinnen, welche Spuren überhaupt tatrelevant sind. „Es geht darum, Hypothesen zu bilden“, sagt Schneider. Seine Arbeit beginne nicht mehr im Labor, sondern am Tatort selbst. „Wir fragen uns: Welche Rolle haben der Teppich, die Möbel, die Wände gespielt? Welche Art von Spuren könnten dort zu finden sein? Was hat der Täter angefasst? Wie ist er vorgegangen? Was ist überhaupt tatrelevant?“

          „Manche Fälle lassen einen nie los“

          Viele Ermittlungen seien früher gescheitert, weil die schiere Masse an Spuren nicht zu bewältigen gewesen sei. Heute sei das anders, gingen die Kriminalwissenschaftler nach strengen Kriterien vor. Sie seien „Trapper“, sagt Schneider: Denn sie betrieben nichts anderes als eine moderne Form der Spurenleserei.

          Und das neue Labor soll dabei helfen. Eine sogenannte DNS-Straße soll automatisiert per Roboterhand Massen-Spurenträger wie etwa Zigarettenkippen untersuchen. Diese beschleunige Abläufe, und die Wissenschaftler hätten mehr Zeit für jene Aufgaben, die menschliche Intelligenz erforderten – beispielsweise die aufwendige Suche nach Asservaten bei einem Tötungsdelikt. In Schneiders Büro hängt das Fahndungsplakat eines alten Falles, den der Biologe von Kollegen aus Baden-Württemberg übernommen hat: der Mord an der 27 Jahre alten Gabriele Pfeiffer aus Erlenbach. Die junge Frau war 1994 nach einem Dorffest tot aufgefunden worden. „Manche Fälle“, sagt Schneider, „lassen einen doch niemals los.“ Das Plakat wird hängenbleiben. So lange, bis auch dieser Mordfall aufgeklärt sein wird.

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