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Hebammen in Not : Und wieder schließt ein Geburtshaus

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Schwere Geburt: Hebammen helfen dem Nachwuchs auf die Welt. Doch momentan kämpfen sie für den Erhalt ihres Berufsstands. Bild: Eilmes, Wolfgang

Viele Hebammen in Hessen können von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Das liegt auch an hohen Regressansprüchen der Krankenkassen. Jetzt will der Bund ihnen helfen.

          Für Hebammen in Hessen kommt die Hilfe sehr spät: Die Nachricht, dass die Bundesregierung die Regressforderungen der Kranken- und Pflegekassen gegenüber den Hebammen beschränken will, erreichte Judith Herlt am Mittwoch in einem Pressegespräch. Gemeinsam mit anderen Interessenvertretern machte Herlt, die Vorsitzende des Hessischen Hebammenverbands im Landkreis Darmstadt-Dieburg, auf die prekäre Situation der geburtshilflichen Versorgung aufmerksam.

          Herlt sagte, man werde erst in zwei bis drei Jahren wissen, ob der Verzicht auf Regressansprüche tatsächlich die Situation der Hebammen verbessert. Die überproportional gestiegenen Haftpflichtprämien bei gleichzeitig viel zu geringer Vergütung seien die Ursache dafür, dass viele Hebammen von ihrer Arbeit nicht mehr leben könnten.

          Elf Monate im Jahr Dauerbereitschaft

          Das Gespräch fand im Geburtshaus am Ohlenbach in Gräfenhausen statt, das Ende des Jahres nach 13 Jahren mit einem Verlust von 10.000 Euro schließen wird. Es ist das vierte von 19 Geburtshäusern in Hessen, das aufgibt. Vor wenigen Jahren arbeiteten im Geburtshaus am Ohlenbach noch fünf Hebammen. Bis zu 50 Kinder im Jahr kamen mit ihrer Hilfe zur Welt. Im letzten Jahr hatten Ingeborg Buß und ihre Tochter Michèle Andres das Haus nur noch zu zweit betrieben. Weil ihr Verdienst die Unkosten nicht mehr trägt, geben sie nun auf.

          „Durch unsere 1:1-Betreuung haben wir elf Monate im Jahr Dauerbereitschaft– auch in der Nacht“, sagte die 28 Jahre alte Andres. „Du kannst nicht ins Schwimmbad gehen, weil du das Handy da nicht hörst, darfst bei Partys nichts trinken und musst immer in der Nähe sein. Bei solchen Arbeitsbedingungen musst du wenigsten davon leben können“, sagte die Hebamme. Im Schnitt verdienen freiberufliche Hebammen 7,50 Euro in der Stunde. Buß und Andres werden die Zimmer umbauen und vermieten und nur noch Vor- und Nachsorge anbieten sowie Kurse rund um die Geburt. Ohne Geburtshilfe kostet die Haftpflichtversicherung für Hebammen nur 400 Euro im Jahr.

          In vielen Landkreisen fehlen Hebammen

          Auch die Zahl der Hebammen, die Hausgeburten betreuen, schrumpft. „Von 78 Hausgeburtshebammen in Hessen haben 30 ihre Tätigkeit in den letzten drei Jahren aufgegeben“, sagte Franziska Kliemt von der Organisation „Elternprotest Hebammenunterstützung Hessen“, die selbst als Hebamme arbeitet. Von einer flächendeckenden Versorgung mit Hebammen könne keine Rede sein. Im Odenwald arbeiteten nur noch drei Hebammen. In vielen Gegenden gebe es gar keine mehr.

          Auch für den Kreis Darmstadt-Dieburg bestätigte Herlt eine Unterversorgung: „Mehrmals in der Woche erreichen mich Anrufe oder E-Mails von Frauen, die sich an mich als Kreisvorsitzende wenden, weil sie keine Hebamme finden, selbst wenn sie sich frühzeitig darum bemühen.“ Die Unterversorgung treffe nicht nur die Schwangeren, die keine Hebamme fänden, sondern auch die Geburtshelferinnen. Weil Hebammen fehlten, müssten sie oft große Entfernungen zurücklegen.

          Karin Schön aus Offenbach betreut als Hebamme auch Hausgeburten. Sie fährt bis zu 100 Kilometern zu ihren Kundinnen. 31 Euro erhält sie je Hausbesuch. Die Zeit für An- und Abreise wird nicht extra vergütet. Sogar die Kreiskrankenhäuser haben mit den steigenden Haftpflichtprämien zu kämpfen. Die Geburtenabteilung im Krankenhaus in Dieburg wurde bereits geschlossen.

          Deutschlandweit gebe es rund 500 offene Hebammenstellen, sagte Kliemt von Elternprotest-Initiative. Auch die Hebammenschulen hätten Schwierigkeiten, ihre Plätze zu besetzen, weil der Beruf wegen der ungünstigen Arbeitszeiten und geringer Verdienstmöglichkeiten unattraktiv geworden sei. Kliemt wies darauf hin, dass bei jeder Geburt– egal ob im Krankenhaus, im Geburtshaus oder bei Hausgeburt– eine Hebamme anwesend sein müsse und es zu einer noch größeren Unterversorgung komme, wenn sich nichts ändere.

          Sie forderte eine langfristige Lösung mit einem staatlichen Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe und einer Haftungsobergrenze für Hebammen. Die Haftpflichtversicherungen werden immer für ein Jahr abgeschlossen. Aber Hebammen brauchten Planungssicherheit, weil Schwangere Planungssicherheit brauchten.

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