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Hessen : „Cyber-Feuerwehr“ soll bei Attacken ausrücken

Gefahr aus dem Netz: Der Screenshot zeigt ein Sicherheits-Update auf einem Computer in London. (Archiv) Bild: dpa

Das Land Hessen plant ein Kompetenzzentrum zur Abwehr von Computer-Angriffen. 100 Fachleute sollen Angriffe von Terroristen oder Hackern früh erkennen und Täter überführen. Innenminister Peter Beuth sprach von einem „Quantensprung“.

          Die Landesregierung will mit einem Kompetenzzentrum Cybersicherheit auf die wachsenden Gefahren der Digitalisierung für Gesellschaft und Wirtschaft reagieren. Das kündigte Innenminister Peter Beuth (CDU) gestern auf dem zweiten „Gipfel“ zu diesem Thema an. Unter der Abkürzung „Hessen 3C“ sollen 100 Fachleute aus von Polizei, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz sowie IT-Spezialisten zusammenarbeiten, um möglichst früh Angriffe von Terroristen, Kriminellen oder Hackern erkennen und die Täter später überführen zu können; „Hessen 3C“ wird derzeit aufgebaut und soll bis zum Jahr 2020 verwirklicht sein. Investiert werden etwa 20 Millionen Euro. Geplant ist eine mobile Cyber-Feuerwehr, die Betroffenen der Angriffe – Bürger und Unternehmen – zur Hilfe eilt.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beuth sprach in der Frankfurter Klassikstadt von einem sicherheitspolitischen „Quantensprung“. Hessen und besonders Frankfurt als Finanzmetropole, Verkehrs- und Internetknotenpunkt seien für solche Angriffe besonders attraktiv. Man könne sich daher nicht allein auf die gerade erst im Aufbau begriffene Sicherheitsarchitektur des Bundes verlassen. Beuths Darstellung nach hat sich die Bedrohung in den vergangenen Jahren noch verschärft. Die Schadsoftware Wannacry, die im Mai geschätzt 200 000 Computersysteme in 150Ländern lahmlegte, darunter das der Deutschen Bahn, könne insofern auch als letzte Warnung verstanden werden.

          Innenminister appelliert an Computerindustrie

          Der Innenminister appelliert an die Aufmerksamkeit und die Vernunft derer, die das Internet nutzten. Jedoch reiche das allein nicht aus, um den Gefahren begegnen zu können. Auch die Computerindustrie sei gefordert, Sicherheitsstandards zu erhöhen; er plädiert für Prüfsiegel, um den Verbraucher besser zu schützen. Beuth verteidigte in diesem Zusammenhang den Beschluss der Innenministerkonferenz vor einigen Tagen. Demnach sollen die technischen und rechtlichen Möglichkeiten geschaffen werden, damit Sicherheitsbehörden und Strafverfolger auch die Kommunikation Organisierter Kriminalität und internationaler Terroristen in Messenger-Dienste wie Whatsapp verfolgen können.

          Noch deutlicher fielen gestern die Warnungen des Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen aus. Im Zuge des boomenden „Internets der Dinge“ und des autonomen Fahrens werde sich die Gesellschaft noch stärker vernetzen und damit die Angriffsfläche für Kriminalität noch einmal deutlich vergrößern. Gerade die sogenannte kritische Infrastruktur wie Wasser- und Energieversorgung und Krankenhäuser sei in vielen Fällen immer noch unzureichend gegen Angriffe aus dem Netz gesichert. Aber auch für die Industrie, in der ganze Produktionsprozesse inzwischen rechnergesteuert seien, ergäben sich große Risiken. Nach seinen Erkenntnissen waren schon mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen digitaler Spionage ausgesetzt; für die übrigen sei es nur noch eine Frage des Wann, nicht mehr des Ob.

          Die Spuren führen Maaßen zufolge nicht selten zu ausländischen Nachrichtendiensten, vor allem nach Russland und China. Im Reich der Mitte halte man sich in den vergangenen Monaten jedoch auffallend zurück, während gleichzeitig die Zahl der Unternehmen in Deutschland, die von chinesischen Konzernen aufgekauft würden, deutlich gestiegen sei. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass diese Form der „digitalen Machtpolitik“ schon die reale Welt erreicht habe. In diesem Zusammenhang erwähnte der Verfassungsschutz-Chef regelrechte Cyber-Streitkräfte, die gerade totalitäre Regime wie Nordkorea aufbauten, um mit verhältnismäßig geringen Mitteln große Wirkung zu erzielen; der Wannacry-Virus soll von Pjöngjang in die Welt geschickt worden sein.

          Neue Strategien sind nötig

          Welche Dimensionen die Angriffe aus dem Internet inzwischen in Deutschland angenommen haben, machte Arne Schönbohm, der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, auf dem Sicherheitsgipfel in Frankfurt deutlich. Täglich seien allein die Rechner der Bundesbehörden zwischen 2000 und 3000 Mal betroffen, es gebe weltweit rund 600 Millionen Programme mit Schadsoftware.

          Umso wichtiger werde in den nächsten Jahren eine internationale Zusammenarbeit, sagte Sir Julian King, EU-Kommissar für die Sicherheitsunion. Brüssel habe erkannt, wie dringend nötig neue Strategien seien. Die letzte dieser Art stammt aus dem Jahr 2013 – nach digitalen Maßstäben fast schon Mittelalter.

          In einem waren sich alle einig: Sicherheit ist kein – von einigen als zu hoch empfundener – Kostenfaktor der Digitalisierung. Sondern ohne Sicherheit und damit Vertrauen in die Technik werde die Digitalisierung nicht wie angestrebt voranschreiten.

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