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Bouffier in Israel : „Ich verneige mich in Demut vor den Opfern“

  • -Aktualisiert am

Stilles Gedenken: Bouffier bei der Kranzniederlegung. Bild: DPA

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier besucht bei seiner Israel-Visite auch die Gedenkstätte Yad Vashem.

          Zwei Bilder sind es, die den Besuch des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem symbolisieren: Die Verneigung vor den Opfern des Holocaust, als er in der „Halle der Erinnerung“ gestern einen Kranz für die Toten niederlegte, und das Aufblicken zu den jüdischen Märtyrern an der „Säule des Heldentums“ im Garten vor dem Gebäude. „Der Holocaust bleibt ein unfassbares Verbrechen. Ich verneige mich in Demut vor den Opfern“, schrieb Bouffier zum Abschluss seines eineinhalbstündigen Rundgangs in das Besucherbuch. Der Holocaust, so sagte er anschließend, sei ein einzigartiger Zivilisationsbruch, für den auch nachgeborene Generationen Verantwortung übernehmen müssten. „Für mich gehört zur deutschen Staatsraison, dass wir das nicht vergessen.“

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Teil dieser bleibenden Verantwortung Deutschlands sei es, sich mit dem jüdischen Staat zu solidarisieren und ihn zu unterstützen, „gerade in einer Zeit, in der sich Juden erneut bedroht fühlen und in Angst leben“. Mit dieser Feststellung spielte Bouffier auf die judenfeindliche Hetze in Iran an und gab zugleich die Antwort auf die Frage, warum ihn seine erste Auslandsreise als Ministerpräsident gerade nach Israel führe.

          Yad Vashem wirft viele Fragen auf

          Für ihn ist sein Aufenthalt ein „Signal“, ein Zeichen der Solidarität mit einem Volk, „das mehr durchlitten hat als jedes andere“. Der Besuch der in den Bergen südlich von Jerusalem gelegenen Gedenkstätte für die sechs Millionen von Deutschen ermordeten Juden sei für ihn der wichtigste Teil seiner fünftägigen Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete, hatte der hessische Regierungschef bereits vor Beginn der Reise gesagt. Den von der Historikerin Karin Dengler geleiteten Rundgang durch das Museum absolvierte Bouffier gemeinsam mit seiner Frau Ursula schweigend; erschüttert von den Bildern und Dokumenten über die im Namen eines deutschen „Reiches“ begangene Barbarei.

          In Yad Vashem soll den unzähligen namenlosen Opfern des Holocaust ein Name gegeben werden; hier werden die Toten mit Bildern und ihren Lebensgeschichten in die Erinnerung zurückgerufen. So wie das Schicksal jenes Überlebenden eines Konzentrationslagers, von dem Dengler berichtete. Dieser habe als Fünfzehnjähriger in der Nacht die Mütze eines Mitgefangenen an sich genommen, weil ihm seine eigene abhanden gekommen war – wohl wissend, dass das Antreten beim Appell ohne Mütze die Erschießung des Bestohlenen durch die Nazi-Schergen zur Folge haben werde. „Wie wird man mit einer solchen Schuld fertig?“, fragte Dengler. „Wie wird ein Kind mit einer solchen Schuld fertig?“

          Yad Vashem wirft viele Fragen auf: „Lernen wir, oder wird sich die Vergangenheit wiederholen?“, fragte Dengler beispielsweise nach dem Durchschreiten eines Raumes mit Hakenkreuzfahnen und nationalsozialistischem Propagandamaterial. „Lernen“, so lautet ihre Antwort, sei vielleicht ein zu ehrgeiziges Ziel. Aber vielleicht könne diese Ausstellung zur Erinnerung, zum Nachdenken und zur Reflexion animieren. Am Ende des im Zickzack führenden Weges durch die Museumsräume öffnet sich der Blick auf das im Tal liegende Jerusalem, ein Symbol für Leben, Hoffnung und Licht.

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