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Bio-Supermärkte : Händler mit Überzeugung

Erfolgreich, aber bescheiden: Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet Bild: dpa

Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet setzt erfolgreich auf Bio-Lebensmittel. Trotzdem ist der Macher aus Fulda bescheiden geblieben. Bei der Weltausscheidung in Monaco könnte Gutberlet zum Entrepreneur des Jahres gewählt werden.

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          Hinter der gläsernen Tür ein Fußboden aus Stein und linker Hand die Kantine, die hier Bistro heißt. Drinnen einfache Holzstühle, Tagesangebot Schweinerückensteak mit Bio-Röstkartoffeln. Vor dem Bistro ein Stehtisch, gegenüber eine Sitzecke. Rund um den Fuß der Treppe, die in die oberen Stockwerke führt, ein blau eingefasster Wasserlauf, an einer ockerfarben getünchten Wand hängt ein schmuckloses Holzkreuz. In den Büroetagen sind keine Wände. „Kein Arbeitsplatz ist abgeschlossen, alle sind gleich, sie könnten nicht unterscheiden, welcher dem Azubi ist und welcher dem Chef“, sagt Wolfgang Gutberlet.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Entrepreneur des Jahres: Von Fulda nach Monaco

          Dass der Vorstandvorsitzende des Lebensmittel-Handelsunternehmens Tegut als Einziger seinen Computer auf einem Stehpult hat, schmälert die Botschaft nicht. Heute sitzt Gutberlet in einem Besprechungsraum mit einem runden, rot gebeizten Tisch. In das Fenster ist ein Glasbild eingelassen, dahinter liegen die Hügel der grünen Rhön mit den gelben Rapsflecken. Wer mag, bekommt ein Wasser in schlichten Gläsern mit Werbeaufdruck. Gutberlet trinkt Kaffee aus einer Tasse ohne Unterteller, für Prätention wird hier keine Energie vertan.

          Nutze deine Zeit: Wie ein ungeschriebenes Motto steht das über dem Lebenswerk des Vierundsechzigjährigen, der im vergangenen Oktober zu einem der Entrepreneure des Jahres gewählt und in der Alten Oper in Frankfurt dafür gefeiert wurde. Ende dieses Monats fährt er nach Monaco, um dort Deutschland bei der Weltausscheidung für 2008 dieses renommierten Preises für Mittelständler zu vertreten. Die Auszeichnung freue ihn, sagt Gutberlet, allzu wichtig nimmt er sie wohl trotzdem nicht, eher schon als Bestätigung für das, was er ohnehin wusste: Er ist auf dem richtigen Weg, seit vielen Jahren, aus tiefer Überzeugung.

          Der Erfolg der Bio-Bewegung in Deutschland und der Absatz, den Bio-Lebensmittel heute im Handel haben, wären nicht denkbar, wenn es Tegut nicht gäbe. Lange bevor Landwirten von der Wetterau bis Andalusien mit der Einführung des EU-Biosiegels und mit Förderprämien für den Umstieg neue Geschäftsfelder eröffnet wurden, hat Gutberlet nichtkonventionell erzeugte Waren zu den herkömmlichen in die Regale genommen. Vor 25 Jahren war das, als Öko-Läden gerne als Sammelstelle für lustfeindliche Körneresser angesehen wurden und gleichzeitig viele Öko-Produzenten davon träumten, ihre Produkte auch über den Lebensmitteleinzelhandel zu vertreiben, damit der Kreislauf von Angebot und Nachfrage richtig ins Fließen komme. Tegut hat an dem Rad kräftig mitgedreht. Die Geschichte „Bio im Supermarkt“ hat bei dem Fuldaer Unternehmen begonnen.

          Kein „ideologisches Sortiment“

          Gut fünf Milliarden Euro haben Verbraucher in Deutschland im vergangenen Jahr für Bio-Lebensmittel ausgegeben, nur rund ein Drittel davon im Naturkostfachhandel. Zum Vergleich: 2001 betrug der Gesamtumsatz in diesem Segment vier Milliarden Mark, der Großteil war in Bio-Läden ausgegeben worden. Der Anteil von Nudeln und Fleisch, Früchten und Gemüsen aus kontrolliert ökologischer Erzeugung am Angebot der Handelsketten war gering, der Umsatz mit ihnen war es auch. 80 Bio-Produkte hatte Tengelmann im Jahr 2001 gelistet, Edeka 130, Rewe 200. Bei Tegut waren es 1000, heute sind es 3000.

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