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Bildungspolitik : Das bleibt nach der letzten Stunde

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Aufgeräumt fürs große Saubermachen: In den Sommerferien bleiben die Stühle auf den Tischen Bild: ddp

Mit der Zeugnisausgabe endet in Hessen ein Schuljahr, in dem das Kultusministerium zwei Mal neu besetzt wurde. Eine Bilanz, auch der Arbeit Dorothea Henzlers (FDP). Klar ist, dass dem Land nach den Ferien ein Härtetest in der Schulpolitik bevorsteht, weil ihr größtes Problem ungeschminkt zu sehen sein wird: der Lehrermangel.

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          Von Karin Wolff über Jürgen Banzer zu Dorothea Henzler, von CDU-Kultusministerin über einen Parteifreund zu einer FDP-Politikerin. Das ist das Spektakulärste, was über das heute zu Ende gehende Schuljahr zu sagen ist. Darüber hinaus könnte der Eintrag in den Geschichtsbüchern heißen: Es verlief ohne Tiefpunkt, aber auch ohne Höhen. So war nach Einschätzung von Lehrerverbänden, Elternvertretern und anderer am Bildungswesen Beteiligter auch die bisherige Arbeit der neuen Kultusministerin. Seit Februar ist Dorothea Henzler (FDP) im Amt.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ihr politisches Mantra und Ziel, die Eigenverantwortlichkeit der Schulen zu fördern, findet viel Zustimmung. Zu hören ist allerdings, dass dieses Vorhaben nun mit einem Fahrplan flankiert werden müsse, damit nicht am Ende bloß ein Begriff davon übrig bleibe, unter dem sich jeder etwas anderes vorstelle. Mehr oder minder Einigkeit herrscht zudem darüber, dass dem Land nach den Ferien ein Härtetest in der Schulpolitik bevorsteht, weil ihr größtes Problem ungeschminkt zu sehen sein wird: der Lehrermangel.

          Bevorstehender Personalengpass

          „Fragen Sie mich nicht nach Vergangenem. Wir haben Sorgen wegen dem, was vor uns liegt“, sagt Helmut Deckert, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Zwar gehört der VBE mit seiner seit Jahren geäußerten Forderung nach einer Art Förderstufe für alle als nicht gymnasialfähig eingeschätzten Kinder zu den Gewinnern der politischen Entwicklung: Henzlers Vorgänger Jürgen Banzer (CDU) hatte für dieses Modell Sympathie geäußert, später fand es in modifizierter Form Eingang in die Koalitionsvereinbarungen, und Dorothea Henzler hat angekündigt, gemeinsame Lernphasen ins Benehmen der einzelnen Schulen stellen zu wollen.

          Aber „mehr Verbindlichkeit“ in schulpolitischen Aussagen wünscht sich Deckert dennoch und kritisiert in diesem Zusammenhang die in dritter Lesung beschlossene Änderung des Schulgesetzes, nach der Integrierte Gesamtschulen künftig mindestens dreizügig sein müssen. „Das ist völlig falsch“, sagt er und behindere die Entwicklung im ländlichen Raum, wo wegen zurückgehender Schülerzahlen übergreifender Unterricht erleichtert statt erschwert werden müsse. Alles überschattendes Thema aber sei der bevorstehende Personalengpass an den Schulen, mangelnder Planung in der Vergangenheit geschuldet.

          Dittmann: „Hängepartie für die Betroffenen“

          „Wir sind massiv in Nöten, gut ausgebildete Lehrer zu finden“, sagt der Vorsitzende des hessischen Philologenverbandes, Knud Dittmann. Dass die Landesregierung 1.000 neue Lehrerstellen schaffe, sei zwar ein gute Sache; sie zu besetzen werde schwer. Nun zeige sich, wie wichtig in der Bildungspolitik strategisches Denken sei, oder besser: wie wichtig es gewesen wäre. „Es war ein ganz großer Fehler, dass in den Neunzigern nicht ein Korridor für die besten Referendare freigehalten wurde“, sagt Dittmann. Diese Absolventen seien heute in anderen Jobs oder Bundesländern tätig. Wie sehr es an Planung mangelt, zeigt nach Ansicht Dittmanns wie auch Deckerts zudem die Tatsache, dass die weitere Finanzierung des 2007 aufgelegten Programms „Erfahrung hat Zukunft“ noch nicht geklärt sei.

          Mit diesem Projekt der Bundesanstalt für Arbeit und der Stiftung einer Zeitarbeitsfirma sollen Erwerbslose, die älter als 50 Jahre sind, in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das Land hatte das mit 37 Millionen Euro bezuschusst, an etlichen Schulen waren im Zuge dieses Programms Leute, befristet bis Juni 2009, tätig geworden, in Bibliotheken zum Beispiel. Wenn sie jetzt weiterbeschäftigt werden, trägt die Bundesanstalt einen Teil der Lohnkosten. Wer den verbleibenden Anteil finanziert, ob Land, ob Schulträger oder die Schulen selbst, ist noch unklar. Eine „Hängepartie“ sei das für die Betroffenen, sagt Dittmann. „Man hat etwas aufgelegt, ohne sich Gedanken zu machen, wie es dann weitergehen soll“, kritisiert Deckert.

          Lehrerversorgung

          Für die Zusammenarbeit mit der neuen Kultusministerin findet der Vorsitzende des Philologenverbandes lobende Worte („Ich registriere und anerkenne ein Bemühen um Zusammenarbeit und den Wunsch, zuzuhören und Rat einzuholen.“). Ähnlich sagt es der Leiter des Amtes für Lehrerbildung, Frank Sauerland: „Ich kann mich in keiner Weise beschweren.“ Der Vorsitzende in Hessen des Verbands der Oberstudiendirektoren, Volker Räuber, sieht die Bildungspolitik grundsätzlich auf dem richtigen Weg. „Das Festhalten am Landesabitur, an der achtjährigen Gymnasialzeit, am Ausbau der Ganztagsschulen sind richtige Entscheidungen“, sagt er.

          Das dickste Lob spendiert der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Jochen Nagel. „Die Probleme sind nach wie vor riesig“, sagt er, aber es gebe zwischen Ministerium und GEW „eine neue Art des Diskutierens“, soll heißen: Über Differenzen hinweg werde um Inhalte gerungen, und die GEW mit ihrer hohen Mitgliederzahl erfahre die ihr zukommende Wertschätzung, was auch im Sinne Henzlers sei. „Denn wenn man die Lehrerschaft bei Reformen nicht mitnimmt, dann werden sie nicht gelingen“. Dass sie einen guten Start gehabt habe, billigt der Kultusministerin Jörg Feuchthofen zu, der für Bildungspolitik zuständige Geschäftsführer der hessischen Unternehmerverbände. Entscheidend für das öffentliche Bild Henzlers werde sein, wie sie die ausreichende Lehrerversorgung zum Beginn des neuen Schuljahrs sicherstelle, meint er, denn das werde „von den Eltern als wichtigste Meinungsgruppe in Sachen Schule“ bewertet. Die Vorsitzende des Landeselternbeirats, Kerstin Geis, stimmt an diesem Punkt zu und liest aus dem Pädagogenmangel auch eine Aufgabe heraus: „Wir sind alle aufgefordert, dafür zu sorgen, dass der Lehrerberuf attraktiver wird und mehr Achtung findet.“

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