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Kommentar : Schulsystem aus dem Gleichgewicht

Behütet: Schülerinnen der privaten Internationalen Schule Frankfurt feiern vor der Alten Oper ihren Schulabschluss - dem Eintrittsticket für ein Studium an Universitäten. Bild: Frank Röth

Wer kein Abitur ablegt, gehört in den Augen vieler schon zu den Bildungsverlierern. Das ist Quatsch. Und doch zeigt diese Ansicht, wie sehr das Schulsystem ins Wanken gerät.

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          Drei Meldungen zum Bildungswesen an nur einem Tag: In Frankfurt klettern die Anmeldungen für die Gymnasien auf einen Rekord, die hessischen Privatschulen melden einen Höchststand ihrer Schülerzahlen, und die Unternehmerverbände beklagen einen unfairen Wettbewerb zwischen Dualer Berufsausbildung und schulischen Bildungsgängen.

          Die Meldungen zeigen drei Facetten einen Systems, das aus dem Gleichgewicht gerät. Neben Gymnasium, Abitur und akademischem Abschluss scheint nichts mehr bestehen zu können. Wer einen anderen Weg wählt, gehört in den Augen vieler schon zu den Bildungsverlierern. Hinter einer solchen Sicht steht ein ordentliches Maß an Uninformiertheit.

          Solvente Eltern weichen auf Privatschulen aus

          Zu den Stärken des deutschen und insbesondere des hessischen Bildungswesens gehört seine Vielfalt. Integrierte Gesamtschulen können ebenso zum Abitur führen wie Gymnasien. Und umgekehrt ist längst nicht ausgemacht, dass jedes Kind, das nach der vierten Klasse auf das von den Eltern gewählte Gymnasium wechselt, auch die Hochschulreife erwirbt. Im Gegenteil scheitern dort viel zu viele Kinder und müssen dann mit dem Makel, es nicht geschafft zu haben, auf eine andere Schule wechseln.

          Die Grundschullehrer weisen die Eltern auf solche Gefahren hin. Aber manche sind im Glauben, nur das Beste für ihr Kind zu wollen, unbelehrbar. Die Stadt Frankfurt kommt kaum hinterher, die nötigen Kapazitäten an den Gymnasien zu schaffen. Davon profitieren die Privatschulen, die solventen Eltern eine Alternative bieten. Das ist legitim; im Sinne der Bildungsgerechtigkeit ist es nicht.

          Unter dem Gymnasial- und Akademisierungswahn leidet auch die Duale Ausbildung. Obwohl sie sehr gute Berufsaussichten bietet, tut sie sich im Wettbewerb um Nachwuchskräfte schwer gegen schulische Bildungsgänge, die einen direkten Hochschulzugang versprechen.

          Und noch eine vierte Meldung aus dieser Woche passt ins Bild. In einem Interview beklagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands eine Entwertung des Abiturs. Studien hätten belegt, dass die Qualität des höchsten Schulabschlusses sinke. Wer könnte davon überrascht sein?

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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