https://www.faz.net/-gzg-6kzhm

Besucherzahlen steigen : Rotstift spielt die Hauptrolle an vielen Theatern

  • Aktualisiert am

Der Etat des Staatstheaters Darmstadt - hier eine Szene aus dem Impresario von Smyrna - wurde 2010 auf dem Vorjahresniveau eingefroren, „dank politischer Schwerpunktsetzung hinsichtlich des Bildungsauftrages der Theater” Bild: Barbara Aumüller

„Vorhang auf“ für den Rotstift: Aus Geldnot müssen auch hessische Theaterintendanten immer häufiger den Gürtel enger schnallen. Folgen für den Kartenverkauf hat das nur selten. Im Gegenteil: In einigen Theatern sitzen mehr Besucher als vorher.

          2 Min.

          Anspruchsvoll sollen die Spielpläne an Hessens Theater sein, aber immer stärker regiert der Rotstift auch in den Intendanzen. Während Flaggschiffe wie das Frankfurter Schauspiel noch keine deutlichen Folgen spüren, hat der Sparzwang vor allem bei kleineren Bühnen seine Auswirkungen: Sie greifen auf billigere Bühnenbilder zurück, heben weniger mutige Inszenierungen ins Programm und verkleinern ihr Ensemble. Das Publikum scheint das nicht zu stören.

          Den massiven Druck auf den Haushalt bekommt zum Beispiel das Staatstheater in Darmstadt zu spüren. Zwar hat sich das Budget in den vergangenen 15 Jahren um etwa 15 Prozent erhöht, es wurde aber für 2010 auf dem Wert des vergangenen Jahres eingefroren. Kürzungen im Jahr 2010 seien „dank politischer Schwerpunktsetzung hinsichtlich des Bildungsauftrages der Theater“ vermieden worden, sagt Theatersprecherin Anna Linoli. Dennoch gebe es Probleme mit der Finanzierung wegen höherer Tarife und eines Inflationsausgleichs.

          Stadt Fulda schießt gut zehn Prozent weniger zu

          Das Theater versucht zu sparen und greift auf Altbekanntes zurück: „Der Schwerpunkt des Spielplans wird auf die sogenannten Klassiker konzentriert“, sagt Linoli. Eine weitere Folge: Die Bühnenbilder werden „puristischer“ und bestehen zunehmend aus „recycelten“ Teilen älterer Stücke. Dem Publikum scheint das nicht viel auszumachen: Das Theater legte in den vergangenen beiden Spielzeiten um rund 52.500 Besucher zu.

          Auch beim Schlosstheater Fulda müssen Einsparungen verkraftet werden. Lag der Stadtzuschuss in diesem Jahr noch bei etwas mehr als 800.000 Euro, so werden es laut Plan 2011 nur noch 718.000 Euro sein. Für die laufende Saison wurden bereits die Eintrittspreise angehoben. Die Stadt erwägt auch eine „begrenzte Programm-Anpassung“, ohne konkret zu werden.

          „Wenig Geld für Neuinvestitionen übrig“

          Das Wehlheider Hoftheater in Kassel muss keine Personalkosten abdecken - in dem Amateurtheater arbeiten nur Ehrenamtliche. „Es bleibt dennoch wenig Geld für Neuinvestitionen übrig“, sagt der 1. Vorsitzende, Eberhard Horn. Ein Grund: Der Mietzuschuss der Stadt für das CassallaTheater wurde halbiert. „Der Druck, spielen zu müssen, um die entstehenden Kosten hereinzubekommen, ist groß. Die Zukunft wird zeigen, ob wir diesem Druck standhalten können“, meint er.

          In Frankfurt blieben Oper und Schauspiel von Kürzungen bisher verschont. Die Städtischen Bühnen erhalten seit Jahren einen konstanten Zuschuss von gut 61 Millionen Euro, 2008 übernahm die Stadt auch die Kosten der Tariferhöhungen voll. Um eine Fortschreibung wird aber noch gekämpft. „Ich kann in Frankfurt gut arbeiten und weiß, dass die Stadt diese Möglichkeit auch perspektivisch erhalten will“, sagt Intendant Oliver Reese.

          Marburger Theater dennoch optimistisch

          Mit Kürzungen kennt sich auch das einzige hessische Landestheater in Marburg aus: Seit den neunziger Jahren habe immer mal wieder der Rotstift das Sagen gehabt, erinnert sich Verwaltungsleiter Jürgen Schüßler. Das von Wiesbaden, der Stadt Marburg sowie über Eintrittskarten, Abos, Spenden und Sponsoren finanzierte Haus blicke dennoch optimistisch in die Zukunft. Klar sei aber: Wenn es finanziell richtig eng werden sollte, müsse beim Personal gespart werden. Die Kosten für Mitarbeiter machten 80 Prozent des Etats aus.

          „Abwarten“ heißt es für Wiesbadens Intendanten Manfred Beilharz. Sein Staatstheater trägt immer noch an den Folgen der Tariferhöhung von 2009. Und für 2011 wollen Land und Stadt trotz steigender Tarife noch keinen höheren Sockelbetrag festschreiben. „Das Theater hat in den vergangenen Jahren schon gewaltige Sparleistungen erbracht“, sagt Beilharz. Die Staatszuschüsse wurden für Sachkosten eingefroren, beispielsweise für Tantiemen, Transporte und Bühnenbilder. Die Ausgaben steigen trotzdem und schmälern den Personaletat.

          Weitere Themen

          Wiesbadener Politstück uraufgeführt

          „Casino“ : Wiesbadener Politstück uraufgeführt

          Es geht um Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft. Mittendrin: Wiesbadens ehemaliger OB Sven Gerich. Das Theaterstück „Casino“ nimmt den Skandal zum Vorbild. Einige Akteure sitzen im Publikum.

          Topmeldungen

          Oxfam stellt unter dem Titel „Frauen arbeiten unbezahlt, Milliardäre machen Kasse“ verschiedene Forderungen.

          Oxfam : „Ein Wirtschaftssystem für reiche Männer“

          Oxfam prangert die Benachteiligung von Frauen durch ungleiche Arbeitsteilung in Familien an. Gefordert werden höhere Ausgaben für die Kinderbetreuung und gezielte Entwicklungshilfe für Frauen in ärmeren Ländern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.