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Bauer Etzel : Von besten Böden nur Nahrungsmittel - nicht Energie

„Weizen zu verheizen ist eine Sünde - schon allein moralisch gesehen”: Bio-Bauer Etzel Bild: Daniel Pilar

Hessen plädiert für Biomasse bei der Energieerzeugung - zur Freude des Bauernverbands. Für Bio-Landwirt Paul-Erich Etzel aus Wehrheim wäre der Einsatz von Biomasse für Strom und Wärme aber eine „Fehlentwicklung“ in Rhein-Main.

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          Zweimal innerhalb nur einer Woche haben Vertreter seiner Partei, der CDU, den Wehrheimer Landwirt Paul Erich Etzel aufgeschreckt. Zunächst war es Ministerpräsident Roland Koch, der in einer Feierstunde im Frankfurter Römer die anwesenden Landwirte wissen ließ, dass er „für das Verbrennen von Getreide“ sei, um daraus Energie zu gewinnen. Und jetzt ist es Umweltministerin Silke Lautenschläger, die bei der Vorstellung ihres neuen Energiekonzeptes für Hessen das größte Potential der erneuerbaren Energien in der Biomasse sieht.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beide Aussagen sind Bio-Bauer Etzel zufolge fatal in ihrer Wirkung für die Landwirte insbesondere im Rhein-Main-Gebiet. „Ich will einer Fehlentwicklung Einhalt gebieten“, versucht er es diplomatisch zu formulieren und wird dann doch deutlich: Er wolle eine Offensive starten, „um den Unsinn zu beenden“.

          „Weizen zu verheizen ist eine Sünde“

          Etzel, der sich bundesweit einen Namen gemacht hat, weil er schon vor mehr als 20 Jahren als einer der ersten Bauern auf ökologischen Landbau umstellte, ist es gewohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Er scheut sich auch in diesem Fall nicht, deutliche Worte zu finden. „Weizen zu verheizen ist eine Sünde – schon allein moralisch gesehen“, sagt der stellvertretende Synodale der Evangelischen Kirche Deutschlands.

          Aber in noch größerem Maße stört den Siebzigjährigen, dass die Politik auf den Gedanken kommt, dass die Landwirtschaft in dieser Region sich als Rohstofflieferant zur Energiegewinnung eignen könnte. Die Landwirtschaft in Südhessen sei noch stärker als Nordhessen geprägt von einer „Kleinststruktur“. Durch die Realteilung, das gleichmäßige Aufteilen der Flächen unter allen Erben, gebe es eine extreme Aufsplitterung der Flächen. Höfe mit gerade einmal zwei bis fünf Hektar Land seien in der Vergangenheit keine Seltenheit gewesen. Sein Sohn, der den Hof weiterführe, bewirtschafte 140 Hektar. 100 davon seien angepachtet – von 50 Eigentümern.

          In Norddeutschland gebe es hingegen traditionell große Höfe, und im Osten hätten sich Betriebe etabliert, die 500 bis 1000 Hektar bewirtschafteten. Dort könnte es Etzel zufolge sinnvoll sein, Pflanzen zur Energiegewinnung anzubauen. In den kleinen Strukturen des Rhein-Main-Gebiets „kriegen Sie weniger raus als Sie vorher an Energie reingesteckt haben“. Und: „Energie kann überall billiger erzeugt werden als hier“, sagt Etzel. „In diese Richtung zu steuern wäre eine absolute Fehlentwicklung.“

          Die Wetterau und der Weltmarkt

          Als noch größeren Unsinn empfindet es Etzel, den Landwirten die Empfehlung zu geben, die besten Böden Hessens zur Energiegewinnung zu nutzen. In Hessen gebe es zehn Prozent sogenannter Gunststandorte, und die lägen mit einer Ausnahme in der nordhessischen Schwalm ausschließlich in der Wetterau und im Rhein-Main-Gebiet vor allem nördlich des Mains bis nach Wiesbaden hinüber. Für Etzel besteht bereits jetzt das „Dilemma“ darin, dass die Wetterau bewirtschaftet werde, „als ob sie auf dem Weltmarkt eine Rolle spielt“: Erträge, die dem internationalen Wettbewerb standhielten, würden durch den hohen Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger erzielt. Als reiner Rohstofflieferant konkurriere die Region mit allen anderen Anbaugebieten Europas, sei mithin austauschbar.

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