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Bad Wimpfen : Die Insel der vergessenen Hessen

  • -Aktualisiert am

Das baden-württembergische Bad Wimpfen: Bis 1952 war es hessisch Bild: Frank Röth

40 Kilometer südlich der hessischen Grenze liegt Bad Wimpfen. Bis 1952 war die Kleinstadt hessische Exklave – fast 150 Jahre lang. Staatsrechtlich hat sich daran bis heute nichts geändert. Eine Spurensuche.

          Hessische Gitterstäbe zerschneiden die Luft, die in das unaufgeräumte Zimmerchen strömt. Das Gefängnis ist zum zweiten Zuhause von Günther Haberhauer geworden. „Zur Zelle No. 3“ steht in Frakturlettern auf der massiven Holztür, die sich knarzend öffnet. „Das muss ein recht kommodes Gefängnis gewesen sein“, sagt der ehrenamtliche Stadtarchivar. Hier, wo früher Wimpfens Rechtsbrecher eingekerkert waren, stapeln sich Bücher, vergilbte Karten und Dokumente, auf denen der hessische Löwe oder das Stadtwappen aus dem Mittelalter prangen.

          Der unscheinbare Bau ist heute das Stadtarchiv von Bad Wimpfen. 1837 hatte der hessische Großherzog Ludwig II. das Gefängnis errichten lassen, 1945 lösten es die amerikanischen Besatzer auf. Sieben Jahre später endete auch der Status Bad Wimpfens als Exklave Hessens, dessen südlichster Grenzstreifen 40 Kilometer nördlich von hier liegt.

          Geschichte des Ortes

          Haberhauer schließt zweimal ab, bevor er das Gebäude verlässt. Er sei übrigens kein gebürtiger Hesse, hebt er hervor und macht ein ernstes Gesicht, das ein weißer Schnäuzer und eine große Brille dominieren. Mit sechs Jahren kam der Sudetendeutsche 1947 nach Bad Wimpfen. Als die Kleinstadt – mit damals rund 3.600 Einwohnern – 1952 baden-württembergisch wurde, hatte er gut fünf Jahre in Hessen gelebt. Aber auf seine landsmannschaftliche Zugehörigkeit lege er ohnehin keinen Wert. „Ich bin Wimpfener“, sagt der 68 Jahre alte Mann lakonisch, während er die Treppe von der mittelalterlichen Pfalzanlage in Richtung Neckartal hinabsteigt. Spannend findet er die Geschichte Wimpfens dennoch: Als die Reichsstadt im Zuge der Eroberungen Napoleons 1803 ihre Reichsunmittelbarkeit – die Unabhängigkeit vom Landesherrn – verlor, wurde sie nach einigem Hin und Her der hessischen Provinz Starkenburg angegliedert.

          Am Ende der Treppe, im Ortsteil Wimpfen im Tal, liegt der Bahnhof. Baujahr 1867, noch so ein hessisches Relikt. „Die Uhr hat immer zehn Minuten zu früh geschlagen, damit die Leute den Zug noch erreichten“, behauptet der Archivar, dessen ehemaliger Lehrer Reinhold Bührlen sein Vorgänger als Wimpfens Stadtarchivar war. Seit 20 Jahren schreibt Lokalhistoriker Haberhauer nun selbst die Geschichte des Ortes weiter, außerdem sitzt der pensionierte Lehrer dem Heimatverein „Alt-Wimpfen“ vor.

          Status quo akzeptieren

          Treppauf kommt er ins Schwitzen, die Pfalzanlage liegt mehr als 100 Meter höher als der Bahnhof. Der Lokalhistoriker plaudert trotzdem weiter von den hessischen Zeiten: Ein Wäldchen 15 Kilometer nordwestlich der Stadt habe den politischen Flickenteppich noch unübersichtlicher gemacht. Das Dörfchen Helmhof und der Wimpfener Forst, zusammen 5.000 Hektar Land, waren die Exklave der Exklave. Eine Straße, die beide Ortsteile miteinander verband, gehörte ebenfalls zum hessischen Staatsgebiet. „Sozusagen eine Transitstrecke“, witzelt Haberhauer keuchend. Der Wald gehöre immer noch der Stadt, das alte Recht der Städter, dort Holz abzuholen, haben die Wimpfener jedoch verloren: Nur noch zwei der mittlerweile 7.000 Einwohner dürfen heute noch Brennmaterial aus dem Wäldchen holen, das seit 57 Jahren zu Neckarbischofsheim gehört.

          Zurück im zentralen Ortsteil Wimpfen am Berg, geht es zum Rathaus. Hier ist die hessische Vergangenheit augenscheinlich, leuchten an dem klassizistischen Bau von 1839 doch der hessische Löwe und ein Schriftzug: „Hessen 1803–1952“. Im Ratssaal, wo auch Prozesse des Land- und Amtsgerichtes stattfanden, setzt sich Haberhauer auf einen Tisch vor einem eingerahmten Dokument, der „Lex Wimpina“. Mit diesem Landtags-Gesetz wurde Bad Wimpfen 1960 verwaltungstechnisch baden-württembergisch. „Aber es gibt keinen Staatsvertrag zwischen Baden-Württemberg und Hessen“, sagt Haberhauer grinsend. Dreimal. Demnach gehöre Bad Wimpfen bis heute zu Hessen, jedenfalls staatsrechtlich. Gedankenspiele gönnt sich Haberhauer trotzdem nicht. „Die letzte hessische Generation stirbt gerade aus“, sagt er, man müsse den Status quo akzeptieren.

          Ein Kuriosum

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