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Bad Soden und die Flüchtlinge : „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

Fühlen sich wohl in ihrem Zuhause: Die Flüchtlinge Ramadan Dawud (links) und Efrem Tekle leben in Bad Soden. Bild: Sick, Cornelia

Vor einem Jahr fürchteten sich viele Bad Sodener vor den Flüchtlingen. Nun gibt es eine Welle der Hilfe. Wie aber gelang der Umschwung? Und wird alles so bleiben?

          6 Min.

          Hier oben herrscht noch Frieden, aber auch die Angst. Vor Fäusten, Drogen, Bettelei. Und dass das ganze Böse den Berg hinaufgekrochen kommt, in die gekehrten Straßen und gepflegten Gärten. Sobald erst hier oben, im Wohngebiet am Hübenbusch, das zweite Flüchtlingsheim steht. Sobald die Männer und Frauen dort einziehen, aus Eritrea, dem Irak, Somalia. „Die passen einfach nicht in diese Umgebung“, sagt ein Anwohner. Doch wer in letzter Zeit einmal vom Hübenbusch ins Tal gestiegen ist, bekommt einen anderen Eindruck. Hier unten, rund um das erste Flüchtlingsheim in Bad Soden, da regiert nicht das Böse. Da herrscht die Zuversicht.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Denn hier unten sitzt Emanuel. Mit schmalen Schultern und einer Narbe am Arm, die fast hoch bis zum Herzen reicht. Sein Blick ist weich. Die Geschichte aber, die er erzählt, ist bitter. Emanuel kommt aus Eritrea. Dort sollte er zum Militär, doch wegen einer Behinderung am Bein hätte er den Drill in der Kaserne kaum überlebt. Er plante die Flucht in den Sudan. Stieg auf die Ladefläche eines Lastwagens, saß dort mit 30 Frauen und Männern, in Hitze, Staub und Dreck. So berichtet er. Manche starben. Die Toten warfen sie durch die Luke auf den Asphalt. Emanuel schlug sich bis zur nordafrikanischen Küste durch. Dort bestieg er einen Kahn. Fünf Tage bangten sie auf dem Meer, dann kam Sizilien in Sicht. Aber Emanuel wollte weiter, nach Norden, nach Deutschland. Wo die Menschen wohlhabend sind und sich sicher fühlen. So dachte er.

          In Bad Soden sei angeblich zu wenig Platz, hieß es

          Vielleicht war es zu dieser Zeit, vor etwas mehr als einem Jahr, als auch die Menschen in Bad Soden öfter an Angst und Vertreibung dachten. Schon in den vergangenen Jahren waren in der Stadt einige Flüchtlinge aufgenommen worden, doch nun hieß es, es kämen in den nächsten Jahren mehr, viele mehr. Der Bad Sodener Bürgermeister sagte, es fehle an Grundstücken für Flüchtlingsunterkünfte. Alle wüssten ja, wie die Lage in Bad Soden sei: 21.700 Einwohner, enge Gässchen. Wenig Platz, heiß begehrt. Wochenlang hieß es damals in der Statistik des Regierungspräsidiums über Bad Soden: Aufzunehmende Personen: 60. Aufgenommene Personen: null. Der damalige Sozialdezernent des Main-Taunus-Kreises, Hans-Jürgen Hielscher (FDP), schimpfte im Juli 2013, er werde notfalls die Flüchtlinge im Bus vor dem Rathaus, den Turnhallen und der Stadthalle absetzen, wenn nicht endlich etwas geschehe. Und dann tat sich etwas. Nur etwas ganz anderes, als Hielscher gedacht hatte.

          Denn nicht nur der Eritreer Emanuel blickte in jenen Tagen zum Horizont, auch einige Bad Sodener taten es. Mit Sorgenfalten auf der Stirn. Die Stadt wollte nicht nur das Gebäude der früheren Taunussparkasse zur Unterkunft machen, sondern neben die neue Grundschule auf dem Sinai, am Rand des Wohngebiets Am Hübenbusch, einige Container für die Flüchtlinge stellen.

          Erst köchelte es, dann begann es zu brodeln. Man wolle den Flüchtlingen ja helfen, hieß es, aber man sei zu spät informiert worden. Und womöglich verlören die Häuser an Wert, wenn die Asylsuchenden erst in die Gegend zögen. Im August sagte der Bürgermeister: „Die Stimmung ist nicht aggressiv, aber die Leute machen sich Gedanken.“ Alle Fraktionen standen hinter dem Projekt und wandten sich gegen Fremdenfeindlichkeit.

          Fernsehreport legte Ressentiments zu Tage

          Aber dann tauchte eine Unterschriftenliste auf, mit 200 Namen. Die Containerunterkunft sei menschenunwürdig, hieß es. Ablehnung, wohlverpackt in Altruismus. Und einige Kommunalpolitiker bekamen Post: Viele Bad Sodener hielten nichts von der „Toleranzromantik“ der Politiker, nach Deutschland kämen schließlich nicht nur Asylsuchende aus Krisenregionen, sondern auch Wirtschaftsflüchtlinge. Die Briefeschreiber malten ein Bild in düsteren Farben: „Die Kleinkriminalität wird steigen, Einbrüche in Wohnungen, Keller und Kraftfahrzeugen, Diebstähle und Belästigung werden die Folge sein.“

          Wie ein Nebel legte sich die Furcht zwischen die Häuser. Dann kam im September ein Fernsehteam vorbei und interviewte Bewohner des Hübenbuschs. Manche waren besorgt um die Flüchtlinge, manche sorgten sich vor allem um sich selbst. „Das sind alles Moslems. Und ich bin Christ.“ Mit ausgestrecktem Finger zeigten sie zum Horizont, wo die neue Schule und die Container gebaut werden sollten. „Eine Schule ist wunderbar. Die zahlen mal meine Rente. Die Kinder können gar nicht laut genug sein“, sagte eine Frau. Und auf die Anmerkung aus dem Off, dass Asylbewerber dagegen für sie wohl nichts brächten, sagte sie: „Nein.“

          Andere Anwohner sprachen von Wohlstand, Dreck und Taliban. Der Bericht lief zur besten Sendezeit, im ganzen Land war Bad Soden nun bekannt. Und Arsima-Katharina Ghebrehiwet wurde von ihren Freunden gefragt: „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

          Es tat sich etwas in Bad Soden

          Eigentlich in einer ganz schönen, fand sie bis dahin. Hier war die 21 Jahre alte Frau in den Kindergarten und zur Schule gegangen, hier wohnen viele Freunde. Ab und zu gab es auf der Straße einen blöden Spruch. „Da muss man drüberstehen“, sagt sie. Das hat sie von ihrem Vater, Yosef Ghebrehiwet, gelernt. Er kam vor 30 Jahren aus Eritrea nach Bad Soden, und auch er hörte so manchen dummen Spruch, weil er groß, dunkel und sein Haar so lockig war. Aber noch viel öfter half man ihm.

          Nun hilft er, als Küster in Bad Soden, und als Freund von Emanuel und den anderen Flüchtlingen, die aus seinem Geburtsland in seine neue deutsche Heimat kamen. Schon kurz nach ihrer Ankunft im November nannten sie den Küster „Papa Yosef“. Er konnte ihre Sprache, Tigriniya, für die ein Mitteleuropäer eigentlich einen anderen Kiefer brauchte. Er half bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Anträgen. Genau wie seine Tochter. Sie taten viel. Und fragten sich manchmal: Ist es genug?

          Aber dann tat sich in Bad Soden wieder etwas. Erst war da Ratlosigkeit gewesen, nachdem der Bericht im Fernsehen gelaufen war. Daraus wurde Fassungslosigkeit. Und schließlich begann, was Rasa Vilgalys-Hiob „hands on“ nennt. „Das war unser großes Glück.“

          Künftiger Heimatort für 100 Personen: An dieser Stelle unterhalb der Grundschule baut Bad Soden eine Flüchtlingsunterkunft.

          Denn der Nebel aus Vorurteilen und Ängsten über Bad Soden hätte noch dichter werden können, das weiß auch sie. Vilgalys-Hiob ist Vorsitzende des Bad Sodener Ausländerbeirats. Geboren ist sie in Amerika, seit 27 Jahren lebt sie hier. Sie sagt: „Ich bin Ausländerin. Und ich bin Bad Sodenerin.“ Sie beschreibt, wie eine Art Zucken durch ihre Heimat ging. Denn nach dem Fernsehbericht trafen sich wieder einige Bürger, diesmal waren es 150. Sie sagten: „So, wie wir da dargestellt wurden, sind wir nicht.“

          Es schien, als seien viele Bad Sodener über sich selbst erschrocken. Und dann doch wieder überrascht davon, was alles ging. Da war wieder dieser Tatendrang, nur diesmal ein guter. Nun schrieben die Bad Sodener keine Briefe mehr an die Kommunalpolitiker, in denen sie von überfüllten Mülleimern und geklauten Portmonaies sprachen. Jetzt spendeten sie Winterjacken.

          Zu helfen sei eine Christenpflicht

          Und Waschmaschinen. Eine davon steht in Emanuels Zimmer, in dem er schläft, isst, träumt und bangt. Als er es über die deutsche Grenze geschafft hatte, war er erst in die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Gießen gekommen, nach kurzer Zeit dann nach Bad Soden. Das war im November. Zwei Monate nach dem Fernsehbericht. Und zwei Monate, nachdem die Hilfswelle angerollt war. Ob er sich hier wohl fühle? Emanuel versteht die Frage erst nicht, er lässt sie von Arsima-Katharina noch einmal in Tigriniya übersetzen. „Ja, natürlich“, sagt er dann. Wie sollte er hier nicht glücklich sein?

          Von dem Ärger vor seiner Ankunft hatte er ja auch nichts mitbekommen. Er sah nur das freundliche Gesicht der Stadt. Besonders die Kirchen engagierten sich. Ein früherer Dekan und Pfarrer von Bad Soden schrieb: „Die Menschen, die kommen, sind keine Ungeheuer, sondern wollen sich und ihre Kinder vor Bomben und Raketen schützen.“ Zu helfen sei eine Christenpflicht.

          Bald gab es eine ökumenische Flüchtlingshilfe, eine Sprechstunde, und einmal in der Woche treffen sich nun die Männer und Frauen aus Eritrea, Somalia und dem Irak abwechselnd im katholischen und evangelischen Gemeindehaus zum Frühstück. Auch Bürger kommen vorbei. Sie fragen, sie erzählen von sich. Viele haben selbst einen Vater oder Onkel, der einst als Vertriebener nach Hessen kam. Die Geschichten sind ähnlich und doch ganz anders. Auch die Gewohnheiten von Einheimischen und Flüchtlingen sind ähnlich, und doch ganz anders.

          Einige wollen gegen die Container klagen

          Nachdem in der Stadt 22 Flüchtlinge in der ehemaligen Sparkasse und 24 weitere in einer Pension leben, werden nicht mehr Autos aufgebrochen als früher. Und vor den Supermärkten stehen auch keine Wachleute, wie es manche Briefeschreiber gefordert hatten.

          Die Bürger vom Hübenbusch schweigen. Aber die Sorgenfalten auf ihrer Stirn sind noch da. Die Grundschule ist nun fast fertig, zu Beginn des nächsten Jahres sollen auch die Container stehen, mit Platz für bis zu 100 Menschen. Manche Bewohner denken angeblich über eine Klage nach, wie und wogegen, weiß aber keiner so genau. Bis dahin richtet sich ihr Zorn weiter gegen die Politiker. „Man spricht ja nicht mit uns.“

          „Mit Argumenten erreicht man aber auch nicht jeden“, sagt Johannes Baron, neuer Sozialdezernent im Main-Taunus-Kreis. Er hat das Thema von seinem Vorgänger geerbt. Es wird den FDP-Politiker noch eine Weile begleiten. Schon im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Flüchtlinge im Main-Taunus-Kreis von 423 auf 638. Jeden Donnerstag landet auf Barons Schreibtisch ein Zettel. Darauf steht, wie viele Flüchtlinge am nächsten Montag in den Städten im Kreis ankommen werden. Einmal sind es auch Kranke, einmal sind es auch Schwangere. „Auch wir erfahren das erst sehr spät.“

          Trotzdem will Baron mehr mit den Bürgern reden. Über die Container neben der Grundschule zum Beispiel. Im benachbarten Kriftel stehen schon welche. Innen erinnern sie eher an eine Jugendherberge als an Blechboxen. Den Flüchtlingen ist alles recht. Aber auch den Nachbarn?

          Keiner weiß, was wird, wenn einige der Bad Sodener Flüchtlingskinder in die Schule kommen. Und wenn womöglich das Sparkassengebäude geräumt werden muss, weil das Rathauskarree, zu dem es gehört, neu entwickelt werden soll. Baron glaubt, Bad Soden habe den Umschwung geschafft. „Den Flüchtlingen geht es in Bad Soden sehr gut.“ Auch sein Vorgänger Hielscher sagt, dass sich seine Befürchtung, es könnte eine dauerhaft fremdenfeindliche Stimmung im Ort entstehen, glücklicherweise nicht erfüllt habe. So habe der Fernsehbericht fast noch einen guten Effekt gehabt.

          So reden die Engagierten fast alle. Um ein schönes Bild von Bad Soden zu malen, erzählen sie von dem Fußballverein, der Dutzende Paar Stollenschuhe spendete, und von den eritreischen Jungs, die fast täglich zum Training gingen. Emanuel, 27, muskulös und schlank, spielt Verteidiger. Und redet stürmisch von seinen Plänen: Deutsch lernen, Job finden, selbst die Miete zahlen. Und wieder einen Anhänger für seine Kette kaufen, ein silbernes Kreuz. Er hatte es auf der Flucht weggeworfen. Islamisten hatten ihm zuvor wegen des Kreuzes eine Kalaschnikow gegen den Arm geschlagen. Daher die Wunde, die fast bis zu Emanuels Herzen reicht. Und auf dem Berg über dem Tal glauben manche, er wäre ein radikaler Muslim.

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