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Bad Soden und die Flüchtlinge : „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

Fühlen sich wohl in ihrem Zuhause: Die Flüchtlinge Ramadan Dawud (links) und Efrem Tekle leben in Bad Soden. Bild: Sick, Cornelia

Vor einem Jahr fürchteten sich viele Bad Sodener vor den Flüchtlingen. Nun gibt es eine Welle der Hilfe. Wie aber gelang der Umschwung? Und wird alles so bleiben?

          Hier oben herrscht noch Frieden, aber auch die Angst. Vor Fäusten, Drogen, Bettelei. Und dass das ganze Böse den Berg hinaufgekrochen kommt, in die gekehrten Straßen und gepflegten Gärten. Sobald erst hier oben, im Wohngebiet am Hübenbusch, das zweite Flüchtlingsheim steht. Sobald die Männer und Frauen dort einziehen, aus Eritrea, dem Irak, Somalia. „Die passen einfach nicht in diese Umgebung“, sagt ein Anwohner. Doch wer in letzter Zeit einmal vom Hübenbusch ins Tal gestiegen ist, bekommt einen anderen Eindruck. Hier unten, rund um das erste Flüchtlingsheim in Bad Soden, da regiert nicht das Böse. Da herrscht die Zuversicht.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Denn hier unten sitzt Emanuel. Mit schmalen Schultern und einer Narbe am Arm, die fast hoch bis zum Herzen reicht. Sein Blick ist weich. Die Geschichte aber, die er erzählt, ist bitter. Emanuel kommt aus Eritrea. Dort sollte er zum Militär, doch wegen einer Behinderung am Bein hätte er den Drill in der Kaserne kaum überlebt. Er plante die Flucht in den Sudan. Stieg auf die Ladefläche eines Lastwagens, saß dort mit 30 Frauen und Männern, in Hitze, Staub und Dreck. So berichtet er. Manche starben. Die Toten warfen sie durch die Luke auf den Asphalt. Emanuel schlug sich bis zur nordafrikanischen Küste durch. Dort bestieg er einen Kahn. Fünf Tage bangten sie auf dem Meer, dann kam Sizilien in Sicht. Aber Emanuel wollte weiter, nach Norden, nach Deutschland. Wo die Menschen wohlhabend sind und sich sicher fühlen. So dachte er.

          In Bad Soden sei angeblich zu wenig Platz, hieß es

          Vielleicht war es zu dieser Zeit, vor etwas mehr als einem Jahr, als auch die Menschen in Bad Soden öfter an Angst und Vertreibung dachten. Schon in den vergangenen Jahren waren in der Stadt einige Flüchtlinge aufgenommen worden, doch nun hieß es, es kämen in den nächsten Jahren mehr, viele mehr. Der Bad Sodener Bürgermeister sagte, es fehle an Grundstücken für Flüchtlingsunterkünfte. Alle wüssten ja, wie die Lage in Bad Soden sei: 21.700 Einwohner, enge Gässchen. Wenig Platz, heiß begehrt. Wochenlang hieß es damals in der Statistik des Regierungspräsidiums über Bad Soden: Aufzunehmende Personen: 60. Aufgenommene Personen: null. Der damalige Sozialdezernent des Main-Taunus-Kreises, Hans-Jürgen Hielscher (FDP), schimpfte im Juli 2013, er werde notfalls die Flüchtlinge im Bus vor dem Rathaus, den Turnhallen und der Stadthalle absetzen, wenn nicht endlich etwas geschehe. Und dann tat sich etwas. Nur etwas ganz anderes, als Hielscher gedacht hatte.

          Denn nicht nur der Eritreer Emanuel blickte in jenen Tagen zum Horizont, auch einige Bad Sodener taten es. Mit Sorgenfalten auf der Stirn. Die Stadt wollte nicht nur das Gebäude der früheren Taunussparkasse zur Unterkunft machen, sondern neben die neue Grundschule auf dem Sinai, am Rand des Wohngebiets Am Hübenbusch, einige Container für die Flüchtlinge stellen.

          Erst köchelte es, dann begann es zu brodeln. Man wolle den Flüchtlingen ja helfen, hieß es, aber man sei zu spät informiert worden. Und womöglich verlören die Häuser an Wert, wenn die Asylsuchenden erst in die Gegend zögen. Im August sagte der Bürgermeister: „Die Stimmung ist nicht aggressiv, aber die Leute machen sich Gedanken.“ Alle Fraktionen standen hinter dem Projekt und wandten sich gegen Fremdenfeindlichkeit.

          Fernsehreport legte Ressentiments zu Tage

          Aber dann tauchte eine Unterschriftenliste auf, mit 200 Namen. Die Containerunterkunft sei menschenunwürdig, hieß es. Ablehnung, wohlverpackt in Altruismus. Und einige Kommunalpolitiker bekamen Post: Viele Bad Sodener hielten nichts von der „Toleranzromantik“ der Politiker, nach Deutschland kämen schließlich nicht nur Asylsuchende aus Krisenregionen, sondern auch Wirtschaftsflüchtlinge. Die Briefeschreiber malten ein Bild in düsteren Farben: „Die Kleinkriminalität wird steigen, Einbrüche in Wohnungen, Keller und Kraftfahrzeugen, Diebstähle und Belästigung werden die Folge sein.“

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