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Bad Soden und die Flüchtlinge : „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

Von dem Ärger vor seiner Ankunft hatte er ja auch nichts mitbekommen. Er sah nur das freundliche Gesicht der Stadt. Besonders die Kirchen engagierten sich. Ein früherer Dekan und Pfarrer von Bad Soden schrieb: „Die Menschen, die kommen, sind keine Ungeheuer, sondern wollen sich und ihre Kinder vor Bomben und Raketen schützen.“ Zu helfen sei eine Christenpflicht.

Bald gab es eine ökumenische Flüchtlingshilfe, eine Sprechstunde, und einmal in der Woche treffen sich nun die Männer und Frauen aus Eritrea, Somalia und dem Irak abwechselnd im katholischen und evangelischen Gemeindehaus zum Frühstück. Auch Bürger kommen vorbei. Sie fragen, sie erzählen von sich. Viele haben selbst einen Vater oder Onkel, der einst als Vertriebener nach Hessen kam. Die Geschichten sind ähnlich und doch ganz anders. Auch die Gewohnheiten von Einheimischen und Flüchtlingen sind ähnlich, und doch ganz anders.

Einige wollen gegen die Container klagen

Nachdem in der Stadt 22 Flüchtlinge in der ehemaligen Sparkasse und 24 weitere in einer Pension leben, werden nicht mehr Autos aufgebrochen als früher. Und vor den Supermärkten stehen auch keine Wachleute, wie es manche Briefeschreiber gefordert hatten.

Die Bürger vom Hübenbusch schweigen. Aber die Sorgenfalten auf ihrer Stirn sind noch da. Die Grundschule ist nun fast fertig, zu Beginn des nächsten Jahres sollen auch die Container stehen, mit Platz für bis zu 100 Menschen. Manche Bewohner denken angeblich über eine Klage nach, wie und wogegen, weiß aber keiner so genau. Bis dahin richtet sich ihr Zorn weiter gegen die Politiker. „Man spricht ja nicht mit uns.“

„Mit Argumenten erreicht man aber auch nicht jeden“, sagt Johannes Baron, neuer Sozialdezernent im Main-Taunus-Kreis. Er hat das Thema von seinem Vorgänger geerbt. Es wird den FDP-Politiker noch eine Weile begleiten. Schon im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Flüchtlinge im Main-Taunus-Kreis von 423 auf 638. Jeden Donnerstag landet auf Barons Schreibtisch ein Zettel. Darauf steht, wie viele Flüchtlinge am nächsten Montag in den Städten im Kreis ankommen werden. Einmal sind es auch Kranke, einmal sind es auch Schwangere. „Auch wir erfahren das erst sehr spät.“

Trotzdem will Baron mehr mit den Bürgern reden. Über die Container neben der Grundschule zum Beispiel. Im benachbarten Kriftel stehen schon welche. Innen erinnern sie eher an eine Jugendherberge als an Blechboxen. Den Flüchtlingen ist alles recht. Aber auch den Nachbarn?

Keiner weiß, was wird, wenn einige der Bad Sodener Flüchtlingskinder in die Schule kommen. Und wenn womöglich das Sparkassengebäude geräumt werden muss, weil das Rathauskarree, zu dem es gehört, neu entwickelt werden soll. Baron glaubt, Bad Soden habe den Umschwung geschafft. „Den Flüchtlingen geht es in Bad Soden sehr gut.“ Auch sein Vorgänger Hielscher sagt, dass sich seine Befürchtung, es könnte eine dauerhaft fremdenfeindliche Stimmung im Ort entstehen, glücklicherweise nicht erfüllt habe. So habe der Fernsehbericht fast noch einen guten Effekt gehabt.

So reden die Engagierten fast alle. Um ein schönes Bild von Bad Soden zu malen, erzählen sie von dem Fußballverein, der Dutzende Paar Stollenschuhe spendete, und von den eritreischen Jungs, die fast täglich zum Training gingen. Emanuel, 27, muskulös und schlank, spielt Verteidiger. Und redet stürmisch von seinen Plänen: Deutsch lernen, Job finden, selbst die Miete zahlen. Und wieder einen Anhänger für seine Kette kaufen, ein silbernes Kreuz. Er hatte es auf der Flucht weggeworfen. Islamisten hatten ihm zuvor wegen des Kreuzes eine Kalaschnikow gegen den Arm geschlagen. Daher die Wunde, die fast bis zu Emanuels Herzen reicht. Und auf dem Berg über dem Tal glauben manche, er wäre ein radikaler Muslim.

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